Die kurze Antwort
Beim Probieren geht es darum, Unterschiede zu bemerken. Die Rebsorte erraten musst du nicht, und bestimmte Früchte riechen auch nicht. Was zählt, ist dein eigener Eindruck. Den schreibst du in deinen eigenen Worten auf, und schon hast du mehr als jeden abgeschriebenen Verkostungstext.

Ein ruhiger Start
Nimm ein sauberes Glas und schenk wenig ein. Schau den Wein an. Riech zuerst ohne zu bewegen, dann noch einmal nach einer vorsichtigen Bewegung. Lass dir dabei Zeit. Fällt dir kein genauer Duft ein, fang mit „frisch“, „fruchtig“, „würzig“ oder „kaum Duft“ an.
Lies die Produktbeschreibung nicht nebenher. Vergleichen darfst du später. Auf deinem Blatt soll zuerst stehen, was du selbst wahrgenommen hast. Was angeblich richtig wäre, ist in diesem Moment egal.
Wenig einschenken hat einen praktischen Grund. Im halb leeren Glas sammelt sich der Duft über dem Wein, und du kannst schwenken, ohne zu kleckern. Halt das Glas am Stiel. So bleibt die Wand frei von Fingerabdrücken, und der Wein erwärmt sich langsamer. Beim Anschauen hilft ein heller Untergrund, ein Blatt Papier genügt völlig.
Der Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Riechen ist die eigentliche Übung. Riech kurz, setz das Glas ab, atme normal, riech noch einmal. Beim zweiten Mal fällt oft mehr auf. Kommt gar nichts, notiere genau das. „Kaum Duft“ ist eine echte Beobachtung und keine Lücke, die du füllen müsstest.
Vier Beobachtungen im Mund
Ist Süße spürbar? Wie frisch wirkt der Wein? Fühlt er sich leicht oder füllig an? Greift etwas rau an Zunge und Zahnfleisch? Diese vier Fragen beschreiben schon viel. Zucker, Säure, Alkohol und Gerbstoffe steuern jeweils etwas anderes zum Mundgefühl bei.
Schlucken musst du bei einer Verkostung nicht. Stell Wasser und ein Gefäß zum Ausspucken bereit, sobald du mehrere Weine vergleichst. Kleine Proben reichen, und eine Pause ist jederzeit erlaubt.
Geh die vier Fragen immer in derselben Reihenfolge durch. Dann vermischen sich die Eindrücke weniger. Süße merkst du meist sofort. Die Frische zeigt sich ein, zwei Sekunden später am Speichelfluss. Leicht oder füllig ist eine Frage des Gewichts im Mund, ähnlich wie bei Milch mit unterschiedlichem Fettgehalt. Das griffige Gefühl kommt zum Schluss, wenn Zunge und Zahnfleisch trockener wirken.
Ein Punkt sorgt immer wieder für Verwirrung: Fruchtduft und Süße sind zweierlei. Ein Wein kann nach reifer Frucht riechen und im Mund trotzdem trocken schmecken. Schreib den Duft und das Mundgefühl deshalb getrennt auf. Trinkst du in Ruhe und mit Wasser dazwischen, bleibt deine Wahrnehmung über mehrere Proben hinweg brauchbar.

Eine brauchbare Notiz schreiben
Ein Beispiel: „Birnenduft, wenig Süße, eher weich, passte zum Abendessen.“ Oder kürzer: „Riecht spannend, ist mir aber zu kräftig.“ Ergänze den Namen der Flasche und das Datum. Verständlich sein muss die Notiz nur für dich.
Probiert ihr gemeinsam, schreibt erst getrennt und redet danach darüber. So legt niemand versehentlich die ganze Runde auf einen einzigen Eindruck fest. Unterschiedliche Antworten sind normal, weil Vorlieben und Wahrnehmung sich unterscheiden. Für deine nächste Auswahl zählt die Beschreibung, die dir selbst weiterhilft.
Der Nutzen einer Notiz zeigt sich erst beim Wiederlesen. Nach zehn oder zwanzig Einträgen erkennst du Muster. Welche Art von Frische magst du? Trinkst du leichte oder füllige Weine eher leer? Bei welchen Gelegenheiten hat dir etwas besonders geschmeckt? Genau dafür sind Name und Datum wichtiger als jede schöne Formulierung. Ohne Namen findest du die Flasche nie wieder.
Schreib in deinen eigenen Worten, auch wenn sie unelegant klingen. „Kratzt hinten“, „schmeckt nach nichts“ oder „kaufe ich wieder“ sind brauchbare Sätze. Ein übernommener Fachausdruck nützt dir dagegen nichts, solange du ihn mit keinem Sinneseindruck verbinden kannst.
Was beim Probieren oft schiefgeht
Viele glauben, eine Verkostung sei erst gelungen, wenn die Rebsorte erraten ist. Das ist eine Spezialaufgabe für Leute, die täglich üben. Für deinen eigenen Geschmack hat sie keine Bedeutung. Ebenso verbreitet ist die Idee, es gebe pro Wein eine richtige Aromenliste. Zwei Menschen am selben Tisch riechen oft Verschiedenes, und beide liegen richtig.
Auch das Ausspucken wird gern belächelt. Es hält schlicht den Kopf klar. Wer mehrere Weine nebeneinander stellt, will am vierten Glas noch so genau wahrnehmen wie am ersten. Und ein Wein, der dir nicht gefällt, ist ein Ergebnis. Notiere es und geh weiter. Eine Begründung, die andere überzeugt, brauchst du dafür nicht.
Wie du zu Hause anfängst
Stell zwei Weine nebeneinander, die sich deutlich unterscheiden, und gib in beide Gläser eine kleine Menge. Geh bei jedem dieselben Schritte durch: anschauen, riechen ohne Bewegung, riechen mit Bewegung, die vier Fragen im Mund, notieren. Danach vergleichst du die beiden Notizen. Ihr Unterschied sagt dir mehr als jede einzelne Beschreibung für sich.
Halt die Runde kurz. Zwei oder drei Weine reichen für den Anfang. Wasser und etwas Brot stehen daneben. Die Etiketten darfst du abdecken, bis alle geschrieben haben. Erst danach deckt ihr die Flaschen auf und lest die Produkttexte. Was dann zusammenpasst, freut dich. Was nicht passt, bleibt trotzdem dein Eindruck.