
Illegale Highland-Brennereien
Steuern und Schmuggel
Sobald der Staat merkte, dass sich mit Whisky Geld verdienen ließ, kam die Steuer – und mit ihr eine jahrhundertelange Grauzone. Im schottischen Hochland brannten irgendwann mehr Menschen heimlich als legal, während Zollbeamte und Schmuggler ein Katz-und-Maus-Spiel führten, das die Whiskykultur bis heute prägt.
Steuern machen das Brennen teuer
1707 schlossen sich Schottland und England zum Königreich Großbritannien zusammen. Mit der Union kam auch das englische Steuersystem in den Norden. Auf Malz, also gekeimte und getrocknete Gerste, wurde zunächst eine Abgabe erhoben. Später kam eine eigene Steuer auf die Brennblase hinzu, die sogenannte Kesselsteuer. Wer legal brennen wollte, zahlte nach der Größe seines Kessels. Wie viel er tatsächlich produzierte, spielte für die Höhe der Abgabe keine Rolle. Ein Kessel kostete also dieselbe Steuer, ob er randvoll lief oder halbleer stand.
Für kleine Höfe im Hochland war dieses System ruinös. Sie brannten nur kleine Mengen für den eigenen Bedarf und für den nächsten Markt. Die Kesselsteuer konnten sie trotzdem kaum stemmen, weil sie unabhängig vom Ertrag anfiel. Größere Brennereien im flacheren, wohlhabenderen Lowland dagegen kamen mit derselben Steuer besser zurecht, weil sie in großen Mengen produzierten und die Abgabe auf viele Flaschen verteilten. Zugleich lag der schottische Steuersitz weit im Süden, in Edinburgh, während die kleinen Brennereien in entlegenen Tälern der Highlands standen. Kontrolle war unter diesen Bedingungen kaum möglich. Genau diese Lücke füllte eine ganze Schattenwirtschaft.
Eine ganze Region brennt heimlich
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde geschätzt, dass weit über die Hälfte des im schottischen Hochland getrunkenen Whiskys aus illegalen Kesseln stammte. Manche Historiker gehen sogar von einem noch höheren Anteil aus. Bauern versteckten kleine Brennblasen in Höhlen und unter Wasserfällen. Oft lagen diese Verstecke tief in der Heide, weit weg von jedem Weg, den ein Zollbeamter zu Pferd nehmen konnte. Der Torfrauch, der heute als Stilmittel gilt, war damals oft schlicht praktisch: Er verriet die Feuerstelle weniger leicht als heller Holzrauch, und er ließ sich mit dem Geruch der umliegenden Moore leicht verwechseln.
Der geschmuggelte Whisky wurde nachts über Schmuggelpfade in die Städte gebracht. Männer und manchmal auch Frauen trugen ihn versteckt unter Heu oder in doppelten Böden von Wagen. Ganze Familien lebten über Generationen vom Schmuggel und gaben ihr Wissen an die Kinder weiter, wie man Fässer versteckt und Fahnder umgeht. Viele Legenden ranken sich um diese Zeit, manche übertrieben, manche gut belegt. Sicher ist: Der Kampf zwischen Steuerbehörde und Schmugglern zog sich über ein Jahrhundert hin, ohne dass eine Seite endgültig gewann.
Zollbeamte gegen Schmuggler
Der Staat schickte Steuerfahnder, sogenannte Exciseman, in die Highlands. Sie waren ausgestattet mit dem Recht, Höfe zu durchsuchen und Brennblasen zu beschlagnahmen. In vielen Dörfern galten sie als Feinde, nicht als Ordnungshüter. Wer einen Schmuggler verriet, musste in der eigenen Gemeinde mit Ächtung rechnen, manchmal sogar mit offener Gewalt. Manche Fahnder ließen sich bestechen, andere wurden bedroht oder verjagt. Wieder andere leisteten ganze Karrieren lang erbitterten Widerstand gegen die organisierte Umgehung der Steuer und nahmen dafür persönliche Risiken in Kauf.
Der bekannteste Fall betrifft ausgerechnet eine später ganz legale Adresse: Am Fluss Livet im Hochland brannten über hundert illegale Kessel, versteckt in Tälern und Höhlen. Einer ihrer Betreiber, George Smith, beschloss irgendwann, die Seiten zu wechseln. Seine Geschichte gehört bereits zur nächsten Station dieser Reise, denn sie beginnt erst mit einem Gesetz, das die Rechnung für alle Beteiligten von Grund auf änderte.
Ein Jahrhundert im Ausnahmezustand
Rückblickend war die Zeit der Schmuggler kein Randphänomen. Sie war über hundert Jahre lang die Realität des schottischen Whiskys, nicht die Ausnahme davon. Sie prägte, wie Whisky hergestellt, versteckt und transportiert wurde. Und sie hinterließ ein bis heute gepflegtes Selbstbild: Whisky als Getränk des Widerstands gegen die Obrigkeit, gebrannt von einfachen Leuten, nicht von einer fernen Industrie.
Für den Staat war die Lage auf Dauer jedoch nicht haltbar. Steuereinnahmen blieben aus, weil so viel Whisky komplett an der Kasse vorbeifloss. Spannungen zwischen Fahndern und Bauern nahmen stetig zu, manchmal bis zur offenen Konfrontation. Zugleich schwankte die Qualität des Schwarzbrands stark, weil niemand ihn kontrollierte. Etwas musste sich ändern. 1823 änderte sich tatsächlich fast alles auf einmal.