Die kurze Antwort
Rhum Agricole wird aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellt. Ein Bio-Siegel ist der Begriff nicht. Herkunft und genaue Produktbezeichnung bleiben wichtig.

Zuckerrohrsaft statt Melasse
Bei Rhum Agricole steht frischer Zuckerrohrsaft am Anfang und nicht Melasse. Martinique besitzt dafür eine eigene Herkunftsregelung. Es gibt ungereifte und gereifte Ausführungen.
Der Unterschied liegt im Zeitpunkt. Melasse entsteht am Ende der Zuckerproduktion und lässt sich lagern. Frischer Zuckerrohrsaft muss zügig verarbeitet werden, weil er schnell zu gären beginnt. Eine Brennerei, die mit Saft arbeitet, hängt deshalb eng an der Ernte vor Ort. Dieser organisatorische Unterschied kommt am Ende im Glas an.
Die Herkunftsregelung sagt außerdem etwas über die Kontrolle. Wo sie greift, ist festgelegt, was in der Flasche sein darf und was nicht. Auf einer Flasche ohne diese Angabe kann trotzdem saftbasierter Rum stecken. Du musst dann nur genauer hinsehen, ob der Rohstoff überhaupt genannt wird.
Melasse und Saft sind also zwei Wege, die sich schon vor dem Brennen trennen. Alles Weitere kommt bei beiden noch dazu: die Gärung, das Brennen und vielleicht ein Fass.
So vergleichst du beide Rohstoffe
Zum Kennenlernen nimmst du eine kleine Probe eines ausdrücklich saftbasierten und eines melassebasierten Rums mit ähnlicher Stärke. Frag nach möglichst wenigen weiteren Unterschieden, damit der Vergleich übersichtlich bleibt. Zwei Proben reichen für den Anfang völlig. Mehr Flaschen machen den Unterschied nicht deutlicher, nur die Runde länger.
Beschreibe selbst, ob du grasige, fruchtige oder andere Eindrücke bemerkst. Solche Begriffe sind Vergleiche und keine Zutatenliste. Gefällt dir ein Stil nicht, sagt das nichts über seinen handwerklichen Wert. Und lies Agricole nicht als Versprechen, dass ein Getränk natürlicher oder grundsätzlich hochwertiger wäre. Der Name beantwortet eine Frage zur Herstellung.
Probiere beide bei Zimmertemperatur und ohne Eis, jedenfalls beim ersten Schluck. Kälte dämpft Duft und Süßeeindruck. Bei einem Vergleich willst du aber genau die Unterschiede sehen, die der Rohstoff macht. Ein Schluck Wasser zwischendurch setzt den Gaumen zurück.
Notiere beide vollständigen Namen samt Alkoholangabe. Fällt dir hinterher auf, dass eine Probe deutlich stärker war, kennst du damit eine wichtige Fehlerquelle deines Vergleichs.

Was der Name nicht bedeutet
Agricole heißt landwirtschaftlich. Das Wort verweist darauf, dass der Saft direkt vom Feld kommt. Ein Bio-Siegel ist es nicht, ein Qualitätsurteil ebenso wenig, und über Zusatzstoffe sagt es nichts. Wer die Bezeichnung als Gütesiegel liest, erwartet etwas, das sie gar nicht verspricht.
Umgekehrt ist melassebasierter Rum kein industrielles Gegenstück. Melasse ist ein vollwertiger Ausgangsstoff mit eigener Geschichte, und viele der bekanntesten Rums der Welt entstehen daraus. Die beiden Wege führen zu verschiedenen Ergebnissen. Eine Rangfolge ergibt sich daraus nicht.
Praktisch heißt das: Such auf dem Etikett nach dem Rohstoff. Steht dort Zuckerrohrsaft oder ein entsprechender Hinweis, weißt du, welchen Weg die Flasche genommen hat. Fehlt die Angabe, hilft nur die Nachfrage beim Händler.