Die Nase führen

Riechen ist Technik

Die Nase führen

Die Nase liefert weit mehr Information als die Zunge, aber nur, wenn du sie richtig einsetzt. Wer zu schnell und zu tief riecht, betäubt sich selbst und riecht am Ende nur noch Alkohol.

Warum die Nase die Hauptarbeit leistet

Die Zunge unterscheidet nur wenige Grundgeschmäcker: süß, sauer, bitter, salzig, umami. Die feinen Unterschiede zwischen Vanille, Honig, Apfel oder Rauch erkennst du fast ausschließlich über die Nase. Das gilt direkt beim Riechen und noch einmal über den Rachen, während du schluckst. Deshalb schmeckt ein Whisky bei verstopfter Nase seltsam flach, fast egal wie kräftig er eigentlich ist.

Wer verkosten lernen will, trainiert also vor allem die Nase. Das ist keine Begabung, die man hat oder nicht hat. Es ist eine Übung, die mit jedem Glas besser wird, ähnlich wie ein Ohr, das mit der Zeit mehr Instrumente in einem Musikstück heraushört.

Erst aus der Distanz, dann näher

Wer die Nase sofort tief ins Glas steckt, macht den häufigsten Fehler beim Nosing. Bei vierzig oder mehr Prozent Alkohol reizt das die Riechschleimhaut. Für kurze Zeit riechst du danach fast nichts mehr außer Ethanol. Besser: Das Glas erst ein Stück von der Nase entfernt halten, kurz und leicht daran schnuppern. Verringere die Distanz nur langsam, während du prüfst, was du wahrnimmst.

Beweg dabei eher die Nase über den Rand des Glases als das Glas hin und her. So läufst du an verschiedenen Stellen der Aromawolke vorbei und fängst unterschiedliche Töne ein, statt nur einen einzigen Ausschnitt zu riechen.

Mit leicht geöffnetem Mund riechen

Ein einfacher Trick reduziert den Alkoholstich spürbar: den Mund beim Riechen leicht öffnen und gleichzeitig durch die Nase einatmen. Der Luftstrom wird dadurch etwas gebremst, und du nimmst weniger vom scharfen Ethanol wahr, dafür mehr von den eigentlichen Aromen. Manche Verkoster nennen das den „offenen Mund“, andere ziehen die Luft einfach in mehreren kurzen Zügen statt in einem langen ein.

Gib dem Glas außerdem etwas Zeit, bevor du es zum ersten Mal riechst. Ein paar Minuten Luft im Glas lassen einen Teil des scharfen Alkoholdunsts abziehen, sodass die tieferen Noten leichter durchkommen.

Die Nase ermüdet, also zähl dein erstes Urteil

Riechst du zu lange am selben Glas, stumpft die Nase ab, ein Effekt, den man Geruchsadaption nennt. Nach ein paar Minuten nimmst du denselben Duft schwächer wahr, nicht weil er verschwunden ist, sondern weil sich dein Riechsystem daran gewöhnt hat. Der erste Eindruck ist deshalb oft der ehrlichste.

Notier dir also, was dir in den ersten Sekunden auffällt, bevor du tiefer eintauchst. Wechsle bei mehreren Whiskys hintereinander auch mal kurz die Luft, etwa indem du an deinem eigenen Handrücken oder an frischer Luft riechst, um die Nase zwischendurch zurückzusetzen.

Die Nase auch außerhalb des Glases trainieren

Riechvermögen lässt sich unabhängig vom Whisky trainieren. Riech im Alltag bewusster hin: an frischem Brot, an Zitrusschale, an nasser Erde nach Regen, an trockenem Heu. Je mehr konkrete Gerüche du bewusst abgespeichert hast, desto schneller findest du später beim Whisky den passenden Vergleich. Sonst spürst du nur vage, dass dich etwas an irgendetwas erinnert.

Manche Verkoster legen sich dafür eine kleine Sammlung an, etwa getrocknete Kräuter, ein Stück Holzkohle oder eine Vanilleschote. So lassen sich einzelne Aromen isoliert riechen, ohne den Umweg über ein ganzes Glas Whisky. Das mag aufwendig klingen, hilft aber tatsächlich. Die Nase lernt am besten, wenn sie einen Duft mit einem klaren, wiederholbaren Reiz verknüpfen kann.

Auch ganz ohne solche Hilfsmittel lohnt es sich, im Kopf ein kleines Wörterbuch aus persönlichen Gerüchen anzulegen. Je öfter du bewusst riechst und benennst, egal ob beim Kochen, im Garten oder beim Spaziergang, desto reicher wird der Wortschatz, den du beim nächsten Glas Whisky abrufen kannst.

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