
Frauen, Höfe, Wacholder
Region & Geschichte
Wer in Visby durch die mittelalterliche Ringmauer tritt, steht in einer Hansestadt, die seit 1995 zum UNESCO-Welterbe zählt. Gotland liegt mitten in der Ostsee, und die Insel hat sich ein eigenes Bier bewahrt, als anderswo Brauereien den Hausbrauer längst verdrängt hatten. Es heißt Gotlandsdricka, auf der Insel meist kurz dricke.
Gebraut haben es nach der Überlieferung seit der Wikingerzeit die Frauen der Höfe. Die Männer holten Wasser und Wacholderzweige, mehr gehörte nicht zu ihrer Aufgabe. Bis zur Industrialisierung blieb das Brauen Frauensache, und dricke war Alltag: Man trank es täglich, und in schwacher Form bekamen es sogar die Kinder.
Hopfen erreichte Skandinavien erst im 13. Jahrhundert. Davor wurde Gotlandsdricka ohne ihn gebraut, und auch später ersetzte er den Wacholder nicht. Man gab nur wenig Hopfen dazu, die Würze kam weiter von den Zweigen.
Einen Herkunftsschutz gibt es nicht. Gotlandsdricka steht nicht im EU-Register für geschützte Bezeichnungen, und eine feste Stilnorm wie bei Pils oder Kölsch fehlt ebenfalls. Es ist ein Hausrezept mit vielen Spielarten, die von Hof zu Hof und von Familie zu Familie abweichen.
Von den Hausbrauern lebt die Tradition weiter. Seit 1991 findet im Süden der Insel jedes Jahr im Herbst eine Weltmeisterschaft im Dricke-Brauen statt. Mitten in Visby, innerhalb der Stadtmauer, braut seit 1995 Gotlands Bryggeri, eine Tochter des Konzerns Spendrups. Das erste Bier der Brauerei war das Wisby Klosteröl, später kam ein Wisby Stout dazu.