
Riesling zweimal
Rebsorten
Fast jede zweite Rebe an der Bergstraße ist Riesling. Von 440 Hektar Rebfläche stehen 149 mit dieser einen Sorte voll, gut ein Drittel des gesamten Anbaugebiets. Kein anderer Wein prägt den Ruf der Region so sehr. Das ist kein Zufall. Riesling reift spät, verträgt kühle Nächte gut und hält seine Säure auch dort, wo es warm wird. Genau diese Kombination liefern Boden und Klima an der Bergstraße.
Danach folgt mit deutlichem Abstand der Grauburgunder, mit 56 Hektar knapp über ein Achtel der Fläche. Spätburgunder bringt es auf rund elf Prozent, Weißburgunder auf knapp sechs. Insgesamt stehen acht von zehn Reben hier für Weißwein, nur jede fünfte für Rotwein. Das erinnert eher an den benachbarten Rheingau als an wärmere, südlichere Anbaugebiete. Dabei zählt die Bergstraße klimatisch zu den wärmsten in Deutschland.
Die eigentliche Besonderheit trägt trotzdem denselben Namen wie der große Bruder. Roter Riesling. Lange hielt man ihn für die ursprüngliche, ältere Form des Riesling, weil Winzer immer wieder beobachteten, wie weiße Beeren rot anliefen, nie umgekehrt. Erst eine genetische Untersuchung 2016 klärte das Gegenteil. Weißer Riesling ist die ältere Sorte, Roter Riesling nur eine Mutation, bei der sich rote Farbstoffe namens Anthocyane in der Beerenhaut einlagern. Weil er weniger Ertrag brachte und Vögel die auffälligen roten Trauben lieber pickten, geriet er fast in Vergessenheit.
Gerettet wurde er im Rheingau, an der Hochschule Geisenheim, ab 1991, aus ein paar übriggebliebenen Stöcken. Winzer an der Bergstraße griffen die Idee 2006 auf und pflanzten ihn neu an. Der Erfolg war so groß, dass hier inzwischen die größte zusammenhängende Anbaufläche für Roten Riesling in ganz Deutschland liegt, über fünfzehn Hektar. Im Glas ist er trotz des Namens altgold, nicht rot, aber kräftiger und dichter als sein weißer Namensvetter, mit einem Hauch Gewürz neben der gewohnten Frucht.
Den Rest der Fläche teilen sich kleinere Sorten wie Müller-Thurgau und Silvaner, früher weit verbreitet, heute eher die Ausnahme. Wer an der Bergstraße Wein pflanzt, entscheidet sich fast immer für eine von zwei Farben: helles Gold oder ein tiefes Rubinrot, selten etwas dazwischen.