
Mönche bis Riesling
Region & Geschichte
Die Römer nannten die alte Straße am Fuß des Odenwalds strata montana, die Bergstraße. Vor rund zweitausend Jahren sollen sie hier die ersten Reben gepflanzt haben, auf den sonnenwarmen Hängen zwischen Wald und Rheinebene. Harte Belege dafür gibt es kaum. Was dagegen felsenfest dokumentiert ist, kommt von den Mönchen aus Lorsch. Sie hielten im achten Jahrhundert in ihrem riesigen Besitzverzeichnis, dem Codex Laureshamensis, erstmals den Weinbau an der Bergstraße schriftlich fest, ein Werk mit weit über dreitausend Einträgen, in dem mehr als tausend Orte zum ersten Mal überhaupt auftauchen. Heppenheim selbst steht schon am 17. Juli 755 darin. Ein Priester namens Hiebo beurkundete dort die Schenkung eines Hofs in Weinheim an die dortige Peterskirche.
Wer sich das Kloster Lorsch heute ansieht, unterschätzt leicht, wie mächtig es einmal war. Es zählte zu den bedeutendsten Reichsabteien im Frankenreich Karls des Großen, mit Besitzungen von den Vogesen bis an die Nordsee, und seine Torhalle steht noch heute, fast zwölfhundert Jahre alt. Seit 1991 gehört sie zum UNESCO-Welterbe, als erstes Baudenkmal in ganz Hessen. Mönche mit einem solchen Rückhalt hatten Boden im Überfluss und Zeit für ihre Reben. Sie konnten ihr Wissen über Generationen weitergeben, während anderswo Herrschaften wechselten und mit ihnen oft auch die Weinberge verwilderten.
Danach gehörte das Land lange zu Kurmainz, später zu Kurpfalz, verteilt auf wechselnde Herren. Ordnung kam erst 1803, und zwar mit einem einzigen Federstrich, im Reichsdeputationshauptschluss, einer großen Neuverteilung deutscher Kleinstaaten nach dem Ende alter Kirchenherrschaften: Hessen-Darmstadt und Baden tauschten ihre Gebiete entlang der Bergstraße neu. Seitdem verläuft die Grenze mitten durch die Landschaft, zwischen Heppenheim und Laudenbach. Alles nördlich davon wurde hessisch, alles südlich davon badisch – und blieb es. Wer heute von der badischen Bergstraße spricht, meint ein eigenes Anbaugebiet mit eigener Geschichte, nicht dieses hier.
Der Überlieferung nach hielt Kaiser Joseph II. 1764 an einem Bergstraßenhang an. Er kam gerade von seiner Krönung in Frankfurt zurück. Dort soll er ausgerufen haben: „Hier fängt Deutschland an, Italien zu werden.“ Ob er den Satz wirklich so sagte, weiß heute niemand mehr. Er blieb trotzdem hängen, weil er etwas Wahres trifft. Mandelbäume blühen hier schon im März, wenn andernorts in Deutschland noch Frost liegt. Die Weinbergterrassen zwischen den Ortschaften erinnern tatsächlich an ein Stück Toskana, das an den Odenwald gerutscht ist.
Modern wurde der Weinbau erst um die Jahrhundertwende. 1904 schlossen sich einundzwanzig Winzer in Heppenheim zum Starkenburger Winzerverein zusammen, aus dem später die heutige Genossenschaft wurde, und im selben Jahr legte der Großherzog von Hessen-Darmstadt seine eigene Hofdomäne an, die Vorläuferin der heutigen Domäne Bergstraße. Als eigenständiges, von Baden getrenntes Anbaugebiet gilt die Hessische Bergstraße aber erst seit dem neuen Weingesetz von 1971. Lange war sie das kleinste der dreizehn deutschen Anbaugebiete. 2025 rutschte sie mit 440 Hektar knapp hinter den Mittelrhein mit 439 Hektar auf den vorletzten Platz.