
Melon, Sauvignon, Chenin
Rebsorten
Die Toskana hat Sangiovese, das Burgund hat Pinot Noir. Die Loire hat vier Sorten, und jede regiert ihr eigenes Stück Fluss. Wer sich das merkt, hat schon die halbe Region verstanden. Melon bei Nantes, Sauvignon Blanc um Sancerre, Chenin Blanc in Touraine und Anjou, Cabernet Franc um Chinon und Saumur.
Ganz im Westen, nahe am Atlantik, steht Melon de Bourgogne. Trotz des Namens hat die Sorte mit Burgund nichts zu tun, sie kam erst später an die Loire. Für sich genommen schmeckt Melon eher neutral, fast schüchtern. Erst die Reifung auf der Hefe, sur lie, verändert alles. Sie gibt dem Muscadet seine feine Brotkruste und den leichten Prickel, der ihn von einem gewöhnlichen trockenen Weißwein unterscheidet.
Rund zweihundertfünfzig Kilometer flussaufwärts, um Sancerre und Pouilly-Fumé, dominiert Sauvignon Blanc. Nach der Reblaus verdrängte er hier fast alles andere, weil er sich am zuverlässigsten veredeln ließ. Sein Weiß riecht nach Stachelbeere und Buchsbaum, auf den steinigen Böden dazu nach Feuerstein — nur der rote und der rosé Sancerre bestehen zur Überraschung vieler zu hundert Prozent aus Pinot Noir, nicht aus Sauvignon.
Dazwischen liegt das Reich des Chenin Blanc. Auch Pineau de la Loire genannt, ist er seit dem neunten Jahrhundert an der Loire belegt, und keine andere weiße Sorte kann so viel: knochentrocken in Savennières, honigsüß in Vouvray oder den Coteaux du Layon, schäumend im Crémant de Loire. Ein und dieselbe Traube, drei völlig verschiedene Weine, je nachdem, wie reif man sie erntet.
Für die Rotweine sorgt Cabernet Franc, hier meist Breton genannt. Eine alte Überlieferung erzählt, ein Mönch namens Breton habe die Sorte im Auftrag von Kardinal Richelieu aus dem Baskenland nach Chinon gebracht. Belegt ist das nicht, hübsch ist es trotzdem. Belegt ist dagegen, was Gentests 1997 an der Universität Kalifornien in Davis zeigten. Vor rund vierhundert Jahren kreuzte sich Cabernet Franc zufällig mit Sauvignon Blanc und wurde damit zum Elternteil von Cabernet Sauvignon. Die Loire trägt also eigene Sorten. Sie steht damit auch am Ursprung der berühmtesten Rotweintraube der Welt.