
Mönche, Könige, Reblaus
Region & Geschichte
Schon die Römer pflanzten Reben an den Ufern der Loire, lange bevor jemand von Sancerre oder Vouvray sprach. Im ersten Jahrhundert notierte der Gelehrte Plinius der Ältere, dass entlang des Flusses Weinberge standen. Ein einziger Satz — und die schriftliche Geschichte des Loire-Weins beginnt. Zweitausend Jahre später wächst an denselben Hängen bei Nantes noch immer Wein.
Den eigentlichen Anschub gab ein Mönch. Martin von Tours war ein römischer Soldat, der zum Bischof wurde. Er gründete 372 die Abtei Marmoutier bei Tours und gilt bis heute als geistiger Vater des französischen Weinbaus, weil seine Mönche das Wissen der Römer über die unruhigen Jahrhunderte nach dem Ende des Reiches retteten. Zweihundert Jahre später beschrieb der Bischof Gregor von Tours in seinen Aufzeichnungen die Weinberge von Sancerre und der Touraine. Der Fluss trug den Wein da schon über weite Strecken.
Im Mittelalter lag der Weinbau fest in klösterlicher Hand. Benediktiner und Augustiner pflegten die Rebhänge über Jahrhunderte. Weiter oben am Fluss bauten Könige und Adel derweil ihre Schlösser — aus Amboise, Chambord und Chenonceau wurde ein Bauboom, der bis heute das Bild des Tals prägt. Der Fluss selbst war die Straße. Fässer aus der Touraine und dem Anjou schwammen flussabwärts bis Nantes. Von dort ging es weiter nach Holland und England, wo man Weißwein von der Loire schon im Mittelalter kaufte.
Für den Muscadet erzählt man sich bis heute eine Geschichte aus dem bitteren Winter 1709, als in ganz Frankreich die Reben erfroren. Angeblich ließ man danach gezielt die frostfeste Sorte Melon pflanzen, die heute fast den ganzen Vignoble nantais trägt. Belegt ist diese Erzählung allerdings erst aus einem Buch von 1937. Sie ist also eher hübsche Legende als geprüfte Urkunde. Sicher ist nur, dass Melon seit jener Zeit hier zuhause ist.
Ende des neunzehnten Jahrhunderts kam die Reblaus und vernichtete fast das gesamte Rebland an der Loire. Beim Wiederaufbau auf amerikanischen Unterlagsreben zeigte sich etwas Überraschendes. Sauvignon Blanc ließ sich leichter veredeln als der launische Pinot Noir, den man um Sancerre bis dahin bevorzugt hatte. So wurde aus einer Notlösung die Sorte, für die Sancerre heute weltberühmt ist.
Die Ordnung, die bis heute gilt, kam erst im zwanzigsten Jahrhundert. 1936 wurden Sancerre, Vouvray und Muscadet zur Appellation, ein Jahr später folgten Pouilly-Fumé und Bourgueil, Saumur-Champigny erst 1957. Im Jahr 2000 erklärte die UNESCO den Talabschnitt zwischen Sully-sur-Loire und Chalonnes-sur-Loire zum Weltkulturerbe. Auf 280 Kilometern Fluss reihen sich Schlösser, Dörfer und Weinberge — gewürdigt als lebendige Kulturlandschaft, nicht als Museumsstück.