
Nebbiolo und Geschwister
Rebsorten
Dolcetto kommt im September zuerst vom Stock, Barbera folgt wenige Tage später, und erst danach, oft erst im Oktober, ist Nebbiolo reif genug für die Presse — die Reihenfolge hat sogar einen eigenen Namen: vendemmia nobile, die edle Lese. Die Rebe treibt früh aus und reift spät, ein langer Weg, der nur an den besten, sonnigsten Hängen überhaupt gelingt. Geduld zahlt sich aus.
Trotz seines Ruhms bleibt Nebbiolo eine Minderheit im eigenen Land. Er steht auf etwa neun Prozent der piemontesischen Rebfläche, während Barbera allein rund dreißig Prozent belegt. Das ist viel. Winzer pflanzten Nebbiolo nur dort, wo er wirklich reif wird — auf den steilen Südlagen, den sogenannten bricchi. Nur dort lohnt sich die Mühe. Überall sonst wuchsen genügsamere Sorten, die auch in einem kühlen Jahr noch Ertrag brachten.
Unter anderem Namen wächst Nebbiolo auch anderswo im Piemont. Im Norden, rund um Gattinara, heißt dieselbe Rebe Spanna und wächst auf vulkanischem Gestein aus einem uralten Supervulkan statt auf Kalkmergel; in der Valtellina jenseits der Alpen nennt man sie Chiavennasca. Ein Name, viele Gesichter. Die Unterschiede zwischen diesen Weinen kommen fast nur aus Boden und Höhe, kaum aus der Genetik.
Barbera selbst ist keine Verlegenheitslösung, auch wenn sie im Schatten des Nebbiolo steht. Sie trägt viel Säure bei wenig Tannin, reift zuverlässig und liefert dichte, dunkle Weine, die im Alltag getrunken werden und trotzdem altern können. Dolcetto dagegen, dessen Name süß klingt, macht trockene, weiche Rotweine mit wenig Säure — der Name meint die Süße der Beere am Stock, nicht die im Glas. Süß ist nur die Beere.
Bei den weißen Sorten hat Arneis die seltsamste Geschichte. Man pflanzte ihn früher zwischen den Nebbiolo-Reihen im Roero, weil Vögel seine süßen, früh reifen Trauben lieber pickten als die wertvolleren schwarzen Beeren nebenan — ein lebender Vogelschreck. Nach dem Krieg wurde er fast ausgerissen, bis ihn Winzer in den Siebzigerjahren wiederentdeckten. Heute trägt er stolz den Beinamen Nebbiolo Bianco. Auch das ist Piemont. Weiter südlich, um Gavi, bringt Cortese frische, schlanke Weißweine, und für den süßen, leicht schäumenden Moscato d'Asti sorgt eine dritte weiße Sorte: Moscato Bianco, botanisch derselbe Muskateller, den man auch aus deutschen Weinbergen kennt.