Region & Geschichte in der Region Piemont

Cavour, Reblaus, Kettensäge

Region & Geschichte

Ein einziger Satz aus dem Jahr 1304 genügt, um zu zeigen, wie alt diese Geschichte ist. Der Agronom Pier de' Crescenzi beschrieb darin eine Rebe aus den Langhe-Hügeln und nannte sie meravigliosamente vinosa — wunderbar weinreich. Gemeint war Nebbiolo. Doch der Wein, den man damals daraus machte, hatte mit dem heutigen Barolo fast nichts gemeinsam: süß, leicht schäumend, oft schon im Herbst getrunken, weil er die Gärung selten ganz zu Ende brachte.

Das änderte sich erst um 1830, und zwar wegen einer einzelnen Frau. Giulia Falletti, Marchesa di Barolo, ließ den französischen Önologen Louis Oudart auf ihre Güter kommen, gemeinsam mit dem jungen Grafen Camillo Cavour, der später Italien einigen sollte. Oudart vergor den Nebbiolo zum ersten Mal vollständig durch — kein Restzucker, keine Kohlensäure, dafür Tannin und Kraft, wie man es aus Bordeaux kannte. Das war die Wende. Der neue trockene Rotwein war eine Sensation. Die Marchesa schickte König Carlo Alberto 325 Fässer, eines für jeden Tag des Jahres außer in der Fastenzeit. Der König war so angetan, dass er kurzerhand das Gut Verduno kaufte, um selbst welchen zu besitzen. Daher der Beiname, den man bis heute hört: König der Weine, Wein der Könige.

1879 erreichte die Reblaus Piemont. Sie fraß sich durch die Wurzeln, und binnen weniger Jahre lagen ganze Hänge kahl. Das traf die Winzer hart. Viele Bauern pflanzten neu, mit amerikanischen Unterlagsreben gegen den Schädling, aber manche gaben den Weinberg ganz auf. Sie setzten stattdessen Haselsträucher — aus der Not wurde die Tonda Gentile, die Haselnuss, die man heute in jeder Praline der Region findet.

Die nächste Revolution kam 1983, und sie begann mit einer Kettensäge. Elio Altare aus La Morra stieg in den Keller seines Vaters und zersägte die alten Fässer aus slawonischer Eiche, gegen den Willen der Familie. Er wollte kleine französische Barriques, kürzere Gärzeiten, einen Wein, der früher trinkbar war. Andere Winzer hielten an den großen Fässern fest und an wochenlanger Maischestandzeit. Der Streit zwischen Modernisten und Traditionalisten dauerte über ein Jahrzehnt und machte Barolo und Barbaresco international bekannt — beide Seiten hatten am Ende recht, nur zu verschiedenen Zeiten.

2014 erklärte die UNESCO die Weinberge von Langhe-Roero und Monferrato zum Weltkulturerbe. Erst seit 2007 in Barbaresco und seit 2010 in Barolo dürfen einzelne Lagen überhaupt offiziell auf dem Etikett stehen, insgesamt mehr als zweihundert. Das ist erstaunlich jung. Ein Wein, der seit dem Mittelalter wächst, bekam seine Landkarte also erst vor eineinhalb Jahrzehnten.

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