
Boom, Blase, Bankrott
Reblaus-Glück und Pattison-Crash
Ein winziger Schädling aus Amerika legte Frankreichs Weinberge in Schutt und Asche und machte Cognac über Nacht knapp. Schottland füllte die Lücke – bis eine Handvoll gieriger Händler den ganzen Boom gegen die Wand fuhr und die Whiskyindustrie in eine jahrzehntelange Krise stürzte.
Ein Schädling räumt die Weinberge leer
Ab den 1860er-Jahren breitete sich in Frankreich die Reblaus aus. Sie war ein winziges, aus Amerika eingeschlepptes Insekt, das die Wurzeln europäischer Weinstöcke befällt. Innerhalb weniger Jahrzehnte vernichtete sie große Teile der französischen Weinberge. Mit den Trauben verschwand auch der Rohstoff für Cognac und Armagnac, die bis dahin bevorzugten Spirituosen des britischen Bürgertums. Winzer versuchten verzweifelt, ihre Reben zu retten, doch die meisten Gegenmittel wirkten erst Jahrzehnte später, als man amerikanische, resistente Unterlagsreben einkreuzte.
Cognac wurde knapp und teuer. Gleichzeitig blieb die Nachfrage nach einer kräftigen Spirituose im britischen Bürgertum bestehen, die abends zum Rauchtisch oder zum Digestif gehörte. Genau in diese Lücke rückte Scotch Whisky, milder und verlässlicher gemacht durch die neuen Blends aus Grain und Malt. Wer bis dahin selbstverständlich zu Cognac gegriffen hatte, griff nun zunehmend zur Flasche mit schottischem Etikett, oft ohne es überhaupt als bewussten Wechsel zu empfinden.
Der Whisky-Boom der 1890er-Jahre
Die Nachfrage aus England und den Exportmärkten des britischen Empire stieg so stark, dass in Schottland ein regelrechter Bauboom für neue Brennereien einsetzte. Zwischen 1887 und 1900 entstanden dutzende neue Anlagen, bestehende wurden erweitert, Investoren strömten in ein Geschäft, das über Jahre nur zu wachsen schien. Aktien von Brennereien und Handelsfirmen wurden an der Börse gehandelt wie ein sicherer Gewinn, fast wie Staatsanleihen.
Unter den auffälligsten Akteuren dieser Jahre standen die Brüder Robert und Walter Pattison aus Leith bei Edinburgh. Ihre Firma handelte mit Whisky aus verschiedenen Brennereien und mischte daraus eigene Blends. Sie warb aggressiv und verschenkte Papageien, die im Laden Werbeslogans nachplapperten. Sie zahlte Dividenden, die weit über den tatsächlichen Gewinnen lagen, um Anleger und Presse zu beeindrucken. Bilanzen wurden geschönt, Lagerbestände künstlich aufgebläht. Manche Fässer, die in den Büchern auftauchten, gab es in Wirklichkeit gar nicht oder nur zum Teil gefüllt. Kredite wurden immer wieder neu aufgenommen, nur um alte Schulden zu bedienen, ein Kartenhaus, das von außen wie solides Wachstum aussah. Andere Brennereien und Handelshäuser sahen die Pattisons als Vorbild und kopierten deren aggressive Expansion, ohne die geschönten Zahlen dahinter zu hinterfragen.
Der Pattison-Crash von 1898
1898 platzte die Blase. Die Pattison Brothers konnten ihre aufgetürmten Schulden nicht mehr bedienen, das Unternehmen ging in die Insolvenz. Die Brüder wurden später wegen Betrugs vor Gericht gestellt und zu Haftstrafen verurteilt. Der Fall riss zahlreiche Zulieferer, Banken und andere Brennereien mit in die Krise. Viele von ihnen hatten auf Kredit expandiert, im festen Vertrauen darauf, dass der Boom ewig weitergehen würde.
In den Folgejahren mussten reihenweise Brennereien schließen, viele davon für immer, weil sich eine Wiedereröffnung wirtschaftlich nicht mehr lohnte. Manche Anlagen standen jahrzehntelang leer und verfielen, bevor sie schließlich abgerissen wurden. Die Whiskyindustrie erholte sich nur langsam von diesem Schock. Der Erste Weltkrieg sowie strengere Kriegssteuern verschärften die Lage in den folgenden Jahren noch einmal, statt sie zu lindern. Getreide wurde während des Krieges knapp und für die Whiskyproduktion teils rationiert, was die Erholung zusätzlich bremste.
Eine Lehre, die bis heute nachwirkt
Der Pattison-Crash gilt bis heute als Warnung, wie schnell Übertreibung eine ganze Branche in Mitleidenschaft ziehen kann. Er zeigt aber auch, wie fest Scotch Whisky sich innerhalb weniger Jahrzehnte im Markt etabliert hatte. Selbst nach dem Zusammenbruch blieb die grundsätzliche Nachfrage bestehen, nur die Struktur der Industrie veränderte sich, hin zu weniger, aber solideren Unternehmen mit vorsichtigerer Finanzierung.
Während Schottland diese Krise letztlich überstand, verlor zur gleichen Zeit ein anderes Land seine einst führende Position auf dem Weltmarkt fast vollständig. Wie es dazu kam, erzählt die nächste Station.