
Verbot kostet Weltmärkte
Prohibition und Irlands Niedergang
Um 1900 war irischer Whiskey die meistverkaufte Spirituose der Welt, mit über dreißig Brennereien allein rund um Dublin. Sechzig Jahre später waren es noch zwei. Ein verlorener Krieg, ein verweigerter technischer Fortschritt und ein Gesetz in den USA reichten, um eine Weltmacht zu stürzen.
Irlands verlorener Vorsprung
Ende des 19. Jahrhunderts galt irischer Whiskey vielen als der bessere Whiskey. Er wurde in großen Pot Stills gebrannt, dreifach destilliert statt zweifach wie meist in Schottland, dadurch besonders weich und rein. Dublin war das Zentrum einer stolzen Industrie mit Marken, die im gesamten britischen Empire und in den USA gefragt waren. Als 1908 eine königliche Kommission untersuchte, was überhaupt als Whisky gelten dürfe, verteidigten irische Brenner erbittert ihre traditionelle Pot-Still-Methode. Sie wandten sich gegen den leichteren, mit der Coffey-Brennblase hergestellten Grain Whisky, den sie für minderwertig hielten.
Die Kommission entschied gegen sie: Auch Grain Whisky und daraus gemischte Blends durften sich künftig Whisky nennen. Irische Brenner, die auf ihrer reinen, teureren Pot-Still-Tradition beharrten, verpassten damit den Trend zum milderen, günstigeren Blended Whisky, mit dem Schottland gerade die Weltmärkte eroberte. Diese Entscheidung wirkte sich über Jahrzehnte aus, weil sich der Geschmack der Trinker weltweit in Richtung mild und leicht verschob, während Irland an seiner schwereren Stilrichtung festhielt.
Krieg und Handelssperre
Der irische Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1921 und die anschließende Teilung der Insel trafen die Whiskyindustrie direkt. Fabriken standen still, Handelswege waren unterbrochen, und politische Unsicherheit schreckte Investoren ab. Die neue Grenze zwischen dem irischen Freistaat und Nordirland zerschnitt zudem gewachsene Handelswege, über die Whiskey jahrzehntelang transportiert worden war. Im folgenden Handelskonflikt zwischen dem neuen irischen Staat und Großbritannien in den 1930er-Jahren verhängte London hohe Zölle auf irische Waren. Damit sperrte London irischen Whiskey faktisch aus den riesigen Märkten des britischen Empire aus, die bis dahin die wichtigsten Abnehmer gewesen waren.
Genau zu diesem Zeitpunkt hätte Irland dringend einen neuen Absatzmarkt gebraucht, um die verlorenen Empire-Märkte auszugleichen. Kontinentaleuropa bot damals keinen ausreichenden Ersatz, weil dort andere Spirituosen wie Wein und Bier den Markt dominierten. Stattdessen brach in den USA ausgerechnet der größte verbliebene Exportmarkt gleichzeitig weg, aus einem völlig anderen Grund. Dieser Grund sollte auch die amerikanische Whiskeygeschichte für Jahrzehnte prägen.
Die amerikanische Prohibition trifft doppelt
Von 1920 bis 1933 verbot die Prohibition in den USA Herstellung, Verkauf und Transport von Alkohol nahezu vollständig. Für irischen Whiskey war das ein schwerer Schlag. Irisch-Amerikaner in den amerikanischen Ostküstenstädten gehörten zu den treuesten Kunden der Marken aus der alten Heimat, und genau dieser Markt fiel praktisch über Nacht weg. Schottische Blends kompensierten den Verlust teils über Schmuggelrouten via Kanada und die Karibik, ein organisiertes Geschäft, an dem sich etwa die Familie Bronfman kräftig bereicherte.
Irische Brennereien verfügten über solche Schmuggelnetzwerke kaum, ihr Markt in den USA brach weitgehend ein. Als die Prohibition 1933 endete, hatten amerikanische Trinker sich längst an andere Spirituosen gewöhnt. Irischer Whiskey fand nur schwer zurück in die Gläser, aus denen er einst kaum wegzudenken war, und musste sich neue Kunden erst mühsam wieder erarbeiten.
Vom Weltmarktführer zu zwei Brennereien
Die Kombination aus verlorenen Commonwealth-Märkten, dem Einbruch in den USA und dem Festhalten an einer teureren, aus der Mode gekommenen Produktionsweise ließ die irische Whiskeyindustrie über Jahrzehnte schrumpfen. Von einst über 160 Brennereien auf der ganzen Insel im 19. Jahrhundert blieben bis in die 1970er-Jahre nur noch zwei übrig. Diese beiden Betriebe schlossen sich schließlich zu einem einzigen Unternehmen zusammen, um überhaupt zu überleben.
Erst Jahrzehnte später, ab den 1990er- und vor allem den 2010er-Jahren, erlebte irischer Whiskey eine bemerkenswerte Renaissance mit vielen neuen Brennereien. Alte Namen wie Kilbeggan und Tullamore lebten wieder auf, dazu kamen dutzende völlig neue Betriebe im ganzen Land. Doch bis dahin hatte sich die Geschichte längst auf einen anderen Kontinent verlagert, wo Whiskey unter ganz eigenen Bedingungen entstand.