
Kolejka & Zagrycha
Trinkkultur
Wódka kam im 16. Jahrhundert in die slawischen Länder und wurde schnell zum Getränk aller Stände, vom Bauern bis zum Adel. In Warschau, seit dem 16. Jahrhundert Sitz von Hof und Sejm, gehörten Trinksprüche zum festen Ablauf jedes größeren Festes, gesprochen im Stehen, mit erhobenem Glas.
Nach dem Trinkspruch folgte oft ein gemeinsames „Niech żyje!“, auf Deutsch etwa „Er lebe hoch!“, gerichtet an die Person, der der Toast galt. Wer ihn ablehnte, brach eine soziale Regel, das galt als unhöflich bis beleidigend. Aus diesem Druck entstand die „przynuka“, das gegenseitige Zureden und Nötigen, doch noch ein Glas zu nehmen.
Bei alten Gutshausfesten im masowischen Umland gingen manche Gastgeber weiter: Wer sich nicht an die Trinkregeln der Runde hielt, wurde mit einem Strafglas, dem „karniak“, belegt und musste zwei Gläser auf einmal in der Mitte des Saals leeren, vor allen Blicken der übrigen Gäste.
Die klassische Regel für Wódka lautet bis heute: eiskalt, in einem Zug, nie in kleinen Schlucken. Direkt danach kommt die Zagrycha, ein kleiner Bissen, meist etwas Saures oder Fettes, der die Schärfe im Mund abfängt. Ohne Zagrycha zu trinken gilt als unvollständig, fast wie Kaffee ohne die Tasse dazu.
Von der höfischen Tafelrunde ist heute wenig übrig geblieben, die feste Choreographie aus Toast, Gegentoast und Strafglas gehört in die Geschichtsbücher. Geblieben ist die Grundhaltung: Wódka trinkt man gemeinsam, in einer Runde, nie allein und nie hastig zwischendurch.
In Żyrardów und Warschau gilt diese Regel bis heute: Wer die erste Runde ausgibt, bestellt für alle am Tisch mit, und niemand trinkt, bevor nicht jedes Glas gefüllt ist. Diese kleine Choreographie ist von den alten Gutshausfesten übrig geblieben, nur ohne Strafglas.