
Adel & Monopol
Region & Geschichte
Im Herbst duftet die Luft um Białystok nach nassem Roggenstroh. Keine zwanzig Kilometer weiter beginnt der Białowieża-Wald. Aus seinem Unterholz stammt eine Grasart, die einer ganzen Landschaft ihren Namen gegeben hat. Der Legende nach würzten Adlige in Podlachien ihren Schnaps schon im vierzehnten Jahrhundert mit dieser Halmart. Belegt ist die Praxis erst ab dem sechzehnten. Bis ins achtzehnte Jahrhundert galt das aromatisierte Getränk als Sache des Hofes ebenso wie des einfachen Bauern. Beide holten das Gras aus demselben Wald, der auch dem Adel gehörte.
Podlachien selbst wechselte über Jahrhunderte die Herren. Als Teil des Großfürstentums Litauen kam die Landschaft 1569 mit der Union von Lublin an die polnische Krone. Nach den Teilungen Polens fiel sie an das Zarenreich. Białystok wuchs unter russischer Herrschaft zur Textilstadt heran. Hier lebten Polen, Belarussen, Litauer, Juden und tatarische Familien, die im Umland seit dem siebzehnten Jahrhundert siedelten. Diese Mischung aus Völkern und Grenzen prägt die Region bis heute.
1928 gründete der polnische Staat in Białystok eine Spirituosenfabrik. Sie hieß Polmos, kurz für Polski Monopol Spirytusowy, das staatliche Spirituosenmonopol. Hier begann die Produktion jenes Bisongras-Wodkas, der als Żubrówka Weltruhm erlangen sollte. Benannt ist er nach dem Żubr, dem Wisent aus dem nahen Wald.
Der Zweite Weltkrieg unterbrach die junge Tradition. Die Fabrik wurde 1936 nach Brześć Litewski verlegt und im Krieg zerstört. Erst 1945 kehrte sie als Białostocka Wytwórnia Wódek nach Białystok zurück. Unter dem sozialistischen Staatsmonopol lief die Produktion weiter, ohne dass sich am Rezept viel änderte.
Erst 1991 löste sich der Betrieb aus der staatlichen Kontrolle. 1998 wurde er zur Aktiengesellschaft, ab 2005 notierte er an der Warschauer Börse. Heute verlässt die Żubrówka Podlachien in mehr als achtzig Länder. Das Bisongras für jede Flasche wird noch immer von Hand im Białowieża-Wald gepflückt.