
Erste Spuren
Wann wurde Bier erfunden?
Erfunden hat Bier niemand an einem bestimmten Tag. Die ältesten Spuren, die Forscher als Bierreste deuten, sind rund 13.000 Jahre alt und stammen aus der Raqefet-Höhle in Israel. Sie liegen damit vor dem Ackerbau. Sicher belegt ist Bier erst in Mesopotamien und Ägypten.
Wann wurde Bier erfunden? Was die Funde wirklich sagen
Jedes Bier beginnt mit einem Problem: Getreide enthält Stärke, und Hefe kann Stärke nicht vergären. Erst wenn das Korn keimt oder gekocht wird, entstehen Zucker, aus denen Hefe Alkohol und Kohlensäure macht. Wer Bier braut, muss also das Korn zuerst aufschließen. Genau diese Spur suchen Archäologen, wenn sie nach dem ältesten Bier fragen.
Das Problem dabei: Bier hinterlässt kaum etwas. Flüssigkeit verdunstet, Holz und Leder verrotten, Hefe ist nach Jahrtausenden nicht mehr zu finden. Übrig bleiben Rückstände an Steingefäßen, Stärkekörner unter dem Mikroskop und Kalziumoxalat, auch Bierstein genannt, eine harte Ablagerung, die sich beim Maischen und Gären an Gefäßwänden bildet. Diese Spuren sind Indizien, keine Beweise. Deshalb steht in seriösen Texten nicht „hier wurde Bier gebraut“, sondern „Forscher deuten den Fund als Bier“.
Raqefet-Höhle: Bier vor dem Ackerbau?
In der Raqefet-Höhle am Karmelgebirge in Israel bestatteten Menschen der Natufien-Kultur ihre Toten. Sie waren Jäger und Sammler, die schon teilweise sesshaft lebten. Ein Team um die Stanford-Archäologin Li Liu untersuchte 2018 drei Steinmörser aus dieser Grabstätte, datiert auf 13.700 bis 11.700 Jahre vor heute.
In den Mörsern fanden die Forscher Stärkekörner mit Merkmalen, die beim Mälzen und Erhitzen entstehen, dazu Reste von Weizen oder Gerste, Hafer und Hülsenfrüchten. Ihre Deutung: Die Natufier mälzten Wildgetreide, also ließen es keimen, und brauten daraus einen breiartigen, schwach alkoholischen Trank, wohl für Totenfeiern. Das wäre Jahrtausende älter als das erste angebaute Getreide im Nahen Osten.
Die Studie ist umstritten. Kritiker halten die Stärkespuren auch für Reste von Brei oder Fladen und bezweifeln, dass sich Gärung an einem Mörser nachweisen lässt. Unstrittig ist nur: Menschen verarbeiteten dort Getreide auf eine Weise, die zum Brauen passt.
Göbekli Tepe: Steintröge und Festgelage
Göbekli Tepe in der Südosttürkei ist eine Anlage aus großen, verzierten Steinpfeilern, errichtet ab etwa 9600 vor Christus, also vor rund 11.600 Jahren. Das Deutsche Archäologische Institut gräbt dort seit Mitte der 1990er Jahre. In jüngeren Schichten fanden die Ausgräber große Steingefäße, die bis zu 160 Liter fassen.
Oliver Dietrich und Kollegen veröffentlichten 2012 in der Fachzeitschrift Antiquity erste Analysen. Martin Zarnkow von der TU München in Weihenstephan untersuchte graue Anhaftungen an sechs Gefäßen; die Tests auf Kalziumoxalat fielen teilweise positiv aus. Die Autoren selbst nannten das ausdrücklich vorläufig. Ihre These: Bei großen Festen könnte Bier Menschen zusammengebracht haben, die gemeinsam an den Bauten arbeiteten.
Bewiesen ist das nicht. Kalziumoxalat kann auch aus Pflanzen oder Böden stammen. Wer heute über Göbekli Tepe schreibt, sollte deshalb von einer gut begründeten Vermutung sprechen, nicht von der ältesten Brauerei der Welt.
Erstes sicheres Bier: Godin Tepe in Mesopotamiens Umfeld
Festeren Boden gibt es rund 5.000 Jahre später. In Godin Tepe im Zagrosgebirge im Westen des Iran stand eine Handelsstation aus der späten Uruk-Zeit, etwa 3500 bis 2900 vor Christus. In einem Krug mit eingeritzten Rillen an der Innenwand fanden Forscher um Patrick McGovern gelbliche Ablagerungen, die sie als Kalziumoxalat bestimmten. Gerste, Krugform und Rückstand passen hier zusammen.
Ungefähr zur selben Zeit beginnt in Mesopotamien die Schrift. Ab jetzt muss niemand mehr Rückstände deuten: Tontafeln nennen Bier, seine Zutaten und wer es bekam. Damit endet die Vorgeschichte des Bieres und die Geschichte beginnt.
Brot oder Bier: was kam zuerst?
Seit den 1950er Jahren streiten Forscher, ob Menschen Getreide zuerst für Brot oder für Bier anbauten. Raqefet und Göbekli Tepe haben der Bier-These Auftrieb gegeben. Eine Entscheidung ist nicht gefallen, und vermutlich gab es beides nebeneinander: Brei, Fladen und gegorene Getränke aus demselben Korn. Sicher ist, dass Bier keine Erfindung eines Einzelnen war, sondern an mehreren Orten aus Getreidebrei entstand, der zu gären begann.