
Reihenfolge und Kater
Bier auf Wein, das lass sein? Was die Studie sagt
Nein, die Reihenfolge entscheidet nicht über den Kater. Eine kontrollierte Studie aus Witten/Herdecke und Cambridge mit 90 Probanden fand 2019 keinen Unterschied zwischen Bier vor Wein und Wein vor Bier. Was zählt, ist die Gesamtmenge Alkohol.
Bier auf Wein: Was behauptet der Spruch?
„Bier auf Wein, das lass sein; Wein auf Bier, das rat ich dir.“ Kaum ein Trinkspruch ist im deutschen Sprachraum so bekannt. Gemeint ist: Wer mit Wein anfängt und dann zum Bier wechselt, fühlt sich am nächsten Morgen schlechter als umgekehrt. Ähnliche Sprüche gibt es in anderen Sprachen, im Englischen etwa „Beer before liquor, never been sicker“, also Bier vor Schnaps als Warnung.
Auffällig ist schon hier ein Widerspruch. Die Sprüche verschiedener Länder empfehlen teils genau entgegengesetzte Reihenfolgen. Wäre die Wirkung der Reihenfolge so eindeutig, wie die Reime behaupten, müssten sie sich einig sein. Das spricht eher für eine Faustregel aus dem Alltag als für eine Beobachtung, die über Generationen sauber geprüft wurde.
Was zeigt die Studie von 2019?
Ein Forschungsteam der Universität Witten/Herdecke und der Universität Cambridge hat die Frage 2019 im American Journal of Clinical Nutrition untersucht. 90 junge Erwachsene tranken unter Aufsicht entweder erst Bier und dann Wein, erst Wein und dann Bier oder nur eines von beiden. Eine Woche später tauschten die Gruppen, sodass jede Person beide Abfolgen erlebte. Am nächsten Morgen bewerteten alle ihren Zustand mit einem Fragebogen zu Kopfschmerz, Übelkeit, Durst und Müdigkeit.
Das Ergebnis war deutlich. Die Reihenfolge hatte keinen messbaren Einfluss auf die Stärke des Katers. Am besten sagten zwei andere Dinge den Kater voraus: wie betrunken sich jemand am Abend selbst einschätzte und ob er sich übergeben hatte. Beides hängt eng mit der getrunkenen Alkoholmenge zusammen. Die Forschenden fassten es so zusammen, dass man den Kater nicht mit einer klugen Reihenfolge umgehen kann.
Warum hält sich der Spruch trotzdem?
Eine verbreitete Deutung ist sozial. Wein galt lange als Getränk der Wohlhabenden, Bier als Alltagsgetränk der einfachen Leute. Wer von Wein auf Bier wechselte, stieg in diesem Bild ab, wer von Bier auf Wein wechselte, stieg auf. Ob der Reim wirklich so entstanden ist, lässt sich nicht belegen, die Erklärung passt aber zu den Gegensätzen der Zeit.
Dazu kommt eine plausible Alltagsbeobachtung. Wer am späten Abend noch zum Bier greift, hat oft schon einiges getrunken, und Bier wird in größeren Mengen getrunken als Wein. Ein Glas Bier enthält zwar weniger Alkohol je Schluck, aber wer zum dritten Halben greift, kommt schnell auf mehr Alkohol, als er denkt. Die Schuld bekommt dann die Reihenfolge, obwohl die Menge den Ausschlag gibt.
Ist Durcheinandertrinken schlimmer als bei einem Getränk bleiben?
Mit dem Trinkspruch eng verwandt ist ein zweiter Glaubenssatz: Wer verschiedene Getränke mischt, leide stärker als jemand, der bei einer Sorte bleibt. Auch das hat die Studie von 2019 mitgeprüft. Neben den beiden Wechselgruppen gab es Kontrollgruppen, die den ganzen Abend nur Bier oder nur Wein tranken, und zwar bis zu einem vergleichbaren Alkoholspiegel im Atem.
Zwischen diesen Gruppen zeigte sich ebenfalls kein bedeutsamer Unterschied. Wer bei gleicher Alkoholmenge nur Bier trank, hatte am Morgen keinen messbar leichteren Kater als jemand, der zwischen Bier und Wein wechselte. Das Mischen an sich macht nach diesen Daten also nicht krank. Es verführt allerdings leicht dazu, den Überblick zu verlieren, weil Gläser verschiedener Größe und Stärke schwer zu vergleichen sind. Ein Halber Bier mit 5 Prozent und ein Viertel Wein mit 12 Prozent enthalten ungefähr gleich viel Alkohol, sehen aber sehr verschieden aus.
Was die Studie offen lässt
90 Personen sind für eine solche Studie viel, für endgültige Aussagen über alle Menschen trotzdem wenig. Die Probanden waren jung und gesund, getrunken wurden ein bestimmtes Lagerbier und ein bestimmter Weißwein. Ob andere Getränke, etwa sehr dunkle Biere oder Rotwein, andere Ergebnisse liefern würden, beantwortet die Arbeit nicht.
Offen bleibt auch, wie stark einzelne Begleitstoffe wirken, die neben Alkohol im Glas stecken. Davon handelt das Kapitel über den Kater. Für die Praxis bleibt eine nüchterne Lehre: Kein Trinkspruch schützt vor den Folgen der Menge. Wer am nächsten Tag klar sein will, hält die Menge niedrig oder trinkt Alkoholfreies.