
Bar-Kultur im Aufbruch
Martini, Prohibition und die Cocktail-Ära
Zwischen den 1880er und 1930er Jahren wurde Gin zum Werkzeug einer neuen Bar-Kultur. Der Martini entstand, und ausgerechnet ein Alkoholverbot in den USA trieb Gin und die Kunst des Mixens erst richtig voran.
Wie der Martini entstand
Der genaue Ursprung des Martinis lässt sich nicht auf ein einziges Datum festlegen. Die Grundform, Gin und Wermut im Verhältnis geschüttelt oder gerührt, etablierte sich in den USA und Großbritannien gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Frühe Rezepte enthielten deutlich mehr Wermut, den aromatisierten Weißwein mit Kräuterauszügen, als die heutige, sehr trockene Variante. Über die Jahrzehnte sank der Wermutanteil stetig. Am Ende stand jener klare, fast reine Gin-Drink, der bis heute als Inbegriff der amerikanischen Bar-Kultur gilt.
Namensvorschläge reichen von der kalifornischen Stadt Martinez bis zur Wermutmarke Martini & Rossi, doch keine dieser Geschichten lässt sich zweifelsfrei belegen. Wichtiger als der Ursprung des Namens ist, was der Martini für Gin bedeutete. Er machte den klaren, trockenen London Dry Gin zur ersten Wahl der feinen Bar, während süßere, ältere Stile zunehmend aus der Mode kamen. Barkeeper begannen, ihre Fertigkeit am Verhältnis von Gin zu Wermut zu messen. Auch die Präzision der Zubereitung zählte nun mehr als die Süße des Getränks.
Ein weiterer Gin-Cocktail jener Zeit trägt bis heute einen militärischen Namen: der Gimlet. Er entstand ebenfalls in der Royal Navy. Dort wurde Limettensaft mit Zucker zur sogenannten Rose's Lime Juice Cordial haltbar gemacht, um Skorbut vorzubeugen. Mischte man diesen Sirup mit Gin, ergab sich ein einfacher, erfrischender Drink. Viele Quellen führen den Namen auf den Schiffsarzt Sir Thomas Gimlette zurück. Ob diese Herleitung stimmt oder der Name eher vom kleinen Handbohrer gleichen Namens kommt, ist unter Kennern umstritten. Sicher ist nur, dass der Gimlet ähnlich wie der Gin Tonic aus einer praktischen Notwendigkeit an Bord entstand.
Die Prohibition und der Bathtub Gin
1920 trat in den USA ein landesweites Alkoholverbot in Kraft, das bis 1933 andauerte. Legaler Handel mit Spirituosen kam praktisch zum Erliegen, doch die Nachfrage blieb. Ein riesiger Schwarzmarkt entstand. Weil echter, gereifter Whiskey oder Brandy Zeit zur Herstellung brauchte, wichen viele Schwarzbrenner auf Gin aus. Neutralalkohol ließ sich mit Wacholderöl und Wasser binnen Stunden zu etwas mischen, das entfernt nach Gin schmeckte. Diese improvisierten Mischungen entstanden oft in Badewannen, weil deren Größe die einzige verfügbare Rührhilfe für die nötigen Wassermengen bot. Daher stammt der Name Bathtub Gin.
In den geheimen Bars der Prohibition, den speakeasies, wurde dieser oft rohe Gin mit Zitrussaft, Zucker und anderen Zutaten verrührt. So sollte sein schlechter Geschmack übertüncht werden. Aus dieser Notlösung entstand paradoxerweise ein kreativer Schub für die Cocktail-Kunst. Barkeeper, die mit schlechtem Rohgin arbeiten mussten, erfanden immer neue Mischungen, um ihn genießbar zu machen. Viele amerikanische Barkeeper wanderten in dieser Zeit zudem nach Europa aus. Sie brachten ihr Handwerk mit nach London und Paris, wo Gin-Cocktails eine zweite Blüte erlebten.
Gin als Symbol der Roaring Twenties
Nach dem Ende der Prohibition 1933 kehrte Gin in den USA zurück, diesmal als glamouröses Getränk der Bars und Hotelbars. Solche Szenen tauchten in Filmen und Illustrierten der Zeit ständig auf. In Europa hatten sich amerikanische Cocktail-Techniken bereits mit der lokalen Bar-Tradition vermischt, etwa im Londoner Savoy Hotel. Dessen Barkeeper Harry Craddock hielt 1930 mit seinem Savoy Cocktail Book viele Gin-Rezepte für Generationen fest. Gin war damit endgültig vom medizinischen Nischenprodukt zur festen Größe der internationalen Bar-Kultur geworden.
Diese goldene Phase hielt jedoch nicht ewig an. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschoben sich die Trends in der Bar allmählich. Ein neuer, geschmacklich neutraler Konkurrent trat aus Osteuropa auf den Markt. Wie Gin über mehrere Jahrzehnte in dessen Schatten geriet, ist Thema der nächsten Station.