
Medizin an Bord
Royal Navy, Chinin und der erste Gin Tonic
Gin Tonic entstand nicht in einer Bar, sondern gegen eine tropische Krankheit. Britische Offiziere in Indien mischten bitteres Chinin-Wasser mit Zucker, Limette und Gin, um eine notwendige Medizin überhaupt trinkbar zu machen.
Chinin gegen Malaria in den Kolonien
Malaria bedrohte britische Soldaten und Beamte in den Kolonien Indiens und anderer tropischer Gebiete stärker als jeder Feind. Die Rinde des südamerikanischen Chinarindenbaums enthält den Wirkstoff Chinin, der Fieber senkt und der Krankheit vorbeugt. Ärzte verschrieben ihn den Briten in Indien als tägliche Dosis. Pures Chininwasser schmeckt jedoch außergewöhnlich bitter und war für viele kaum zu schlucken. Wer die Medizin dauerhaft einnehmen sollte, brauchte einen Weg, sie erträglicher zu machen. Genau hier kam der Alltag der Offiziersmesse ins Spiel.
Offiziere begannen, dem bitteren Chininwasser Zucker, Limettensaft und einen Schuss Gin beizumischen, den ohnehin fast jeder britische Haushalt in Übersee im Schrank hatte. Aus der täglichen Pflichtdosis wurde so ein Getränk, das man tatsächlich gern trank. Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung eines Gin-und-Chinin-Gemischs stammt aus dem Jahr 1868, aus einer anglo-indischen Sportzeitschrift. Im Alltag der Kolonialverwaltung war die Mischung vermutlich schon früher üblich.
Vom Chininwasser zum kommerziellen Tonic Water
Der Durchbruch zum industriell hergestellten Tonic Water kam mit Erasmus Bond. Er ließ sich 1858 ein Verfahren zur Herstellung eines karbonisierten Chininwassers patentieren. Wenige Jahre später stieg das Unternehmen Schweppes in die Produktion ein. Es verkaufte sein Getränk ab 1870 unter dem Namen Indian Tonic Water, ein deutlicher Hinweis auf den kolonialen Ursprung des Produkts. Tonic Water wurde damit vom Feldlazarett zur handelsüblichen Flasche, die man in jedem Kolonialwarenladen kaufen konnte.
Auch die britische Marine selbst hatte einen bevorzugten Gin-Lieferanten. Die Brennerei Plymouth Gin belieferte seit dem 19. Jahrhundert offiziell die Royal Navy und lag dafür bewusst nahe am Marinestützpunkt Devonport. Offiziere mischten ihren Gin oft zusätzlich mit ein paar Tropfen Angostura Bitters. Dieser stark bittere Kräuterauszug war ursprünglich ebenfalls als Medizin gegen Magenbeschwerden gedacht. Aus dieser Mischung entstand der Pink Gin, benannt nach der rosa Färbung, die die Bitters im klaren Alkohol erzeugen. Pink Gin blieb bis weit ins 20. Jahrhundert beliebt in britischen Offiziersclubs, lange bevor Tonic Water zur bekannteren Beimischung wurde.
Gleichzeitig war Gin selbst tief mit der Royal Navy verbunden. An Bord britischer Kriegsschiffe war Alkohol jahrhundertelang Teil der täglichen Ration, zunächst meist als Rum, an vielen Stationen aber ebenso als Gin. Diese Rationierung bestand offiziell bis 1970. Dann strich die Royal Navy die tägliche Alkoholausgabe endgültig. Der Ruf des Gins als Getränk von Seeleuten und Kolonialbeamten hielt sich weit über diese Praxis hinaus. Er prägt bis heute Namen und Etiketten vieler Marken.
Warum Gin Tonic bis heute funktioniert
Was als medizinische Notlösung begann, erwies sich geschmacklich als Glücksfall. Die Bitterstoffe im Tonic Water, ergänzt um Chinarinde und oft Zitrusschalen, treffen sich mit den Wacholder- und Zitrusnoten im Gin. Daraus entsteht eine Kombination, die sich bis heute kaum verbessern lässt. Genau deshalb blieb Gin Tonic über anderthalb Jahrhunderte hinweg im Grunde derselbe Drink, während viele andere Modegetränke seiner Zeit längst vergessen sind.
Die koloniale Herkunft des Getränks ist heute Geschichte, kein Vorbild. Sie erklärt aber, warum Gin Tonic weltweit fast überall gleich funktioniert. Er wurde von Anfang an für heißes Klima und einfache Zutaten entworfen. Für die aufwendige Bar-Kunst, die im nächsten Jahrhundert entstehen sollte, war er nicht gedacht. Diese Bar-Kunst, mit dem Martini als bekanntestem Beispiel, ist die nächste Station dieser Reise durch die Geschichte des Gins.