
Geschichte und Stil
Negroni
Zu gleichen Teilen Gin, roter Bitterlikör und süßer Wermut: Der Negroni ist einer der bittersten und zugleich beliebtesten Gin-Cocktails der Welt. Seine Entstehungsgeschichte wird gern als Legende erzählt, auch wenn sich die Fakten dahinter nicht mehr sicher belegen lassen.
Wie erzählt die Legende die Entstehung?
Der bekanntesten Erzählung nach saß um 1919 ein italienischer Adliger namens Camillo Negroni in einer Bar in Florenz. Dort trank er für gewöhnlich einen Americano, eine Mischung aus rotem Bitterlikör, süßem Wermut und Sodawasser. An diesem Tag bat er den Barkeeper aber um etwas Stärkeres und ließ das Sodawasser durch einen Schuss Gin ersetzen.
Der kräftigere Drink soll schnell auch anderen Gästen des Lokals aufgefallen sein. So verbreitete er sich der Legende nach zuerst in Florenz und dann weit über die Stadt hinaus, bis er als eigenständiger Cocktail unter dem Namen Negroni bekannt wurde. Der Legende nach gab der Barkeeper dem neuen Getränk sogar eine eigene Orangenzeste statt der beim Americano üblichen Zitronenscheibe, damit Gäste die beiden Drinks am Glas sofort auseinanderhalten konnten. Dieses kleine Detail wird bis heute in vielen Bars beibehalten, ganz gleich, wie genau die Ursprungsgeschichte tatsächlich abgelaufen ist.
Wie sicher ist diese Geschichte belegt?
So schön diese Geschichte klingt, so wenig lässt sie sich lückenlos belegen. Verlässliche Quellen für einen echten Grafen Camillo Negroni in genau dieser Bar-Szene fehlen weitgehend, und Historiker weisen häufig auf diese Lücke hin.
Die Familie Negroni selbst nennt in ihrer eigenen Überlieferung sogar eine andere Person als Urheber des Drinks. Unter Barkeepern gilt die Florenz-Geschichte trotzdem als gängigste Version, wird aber ausdrücklich als Legende erzählt und nicht als gesicherte historische Tatsache dargestellt. Für Gäste in einer Bar ändert diese Unsicherheit wenig am Geschmack des Drinks, ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie schnell aus einer hübschen Anekdote eine scheinbar gesicherte Cocktailgeschichte werden kann. Wer die Geschichte weitererzählt, tut deshalb gut daran, sie klar als Legende zu kennzeichnen und nicht als belegte Tatsache darzustellen. Genau diese Mischung aus schöner Erzählung und unsicherer Quellenlage findet sich bei vielen anderen alten Cocktails ebenso und macht die Beschäftigung mit ihrer Geschichte gleichzeitig unterhaltsam und ein wenig unzuverlässig. Für den Genuss des Drinks selbst spielt das am Ende ohnehin keine Rolle, denn Geschmack und Bitterkeit des Negroni bleiben unabhängig davon, welche Version der Gründungsgeschichte man für wahrscheinlicher hält. Die Legende bleibt trotzdem ein schöner Einstieg, um über den Negroni ins Gespräch zu kommen, bevor der erste Schluck überhaupt getrunken wird.
Was macht den Stil des Negroni aus?
Der Negroni setzt zu gleichen Teilen auf Gin, roten Bitterlikör und süßen Wermut, gerührt mit Eis und meist mit einer Orangenzeste garniert. Diese schlichte Formel aus drei gleich großen Anteilen macht ihn leicht nachvollziehbar. Gleichzeitig reagiert er empfindlich auf die Wahl der einzelnen Zutaten, weil jede Komponente das Ergebnis spürbar verschiebt.
Typisch für den Negroni ist seine ausgeprägte Bitterkeit, die ihn klar von süßeren Aperitif-Cocktails abgrenzt. Er gilt als Getränk vor dem Essen, das den Appetit anregen soll, statt zu sättigen. Aus dieser Grundformel entstanden zahlreiche Abwandlungen, etwa Varianten mit anderen Spirituosen anstelle des Gins, die den bitteren, aromatischen Charakter des Originals aufgreifen. Eine bekannte Abwandlung ersetzt den Gin durch Whiskey und rückt den Drink damit näher an würzige, holzbetonte Aromen, während eine andere Variante den Gin komplett streicht und stattdessen mit Schaumwein aufgießt. Trotz all dieser Varianten bleibt die ausgewogene Bitterkeit das gemeinsame Erkennungsmerkmal der ganzen Negroni-Familie, und genau diese Bitterkeit unterscheidet sie von süßeren, harmloseren Aperitif-Cocktails.