
Rohr oder Melasse
Zuckerrohr & Melasse
Zuckerrohr für Rum wächst auf Grenada heute vor allem in einem einzigen Tal. Bei River Antoine in der Gemeinde St. Patrick stammen nach Berichten aus der Fachpresse etwa 85 Prozent des Rohrs von den Feldern des Guts, der Rest kommt von Bauern aus der Nachbarschaft.
Das geschnittene Rohr wird sofort zur Mühle gefahren, denn gepresster Saft beginnt rasch zu gären. Die Mühle stammt aus viktorianischer Zeit, ihre Walzen sind flach abgenutzt, und angetrieben wird sie von einem Wasserrad britischer Herkunft aus dem 19. Jahrhundert. Das Wasser des Flusses Antoine strömt über eine Rinne auf das Rad. Die ausgepressten Fasern, die Bagasse, werden getrocknet und verfeuert, so läuft der Betrieb ohne Strom aus dem Netz und fast ohne fremden Brennstoff.
Wer Saft, Melasse und Sirup auseinanderhalten will, nimmt am besten die Zuckerfabrik als Maßstab. Saft ist das frisch gepresste Rohrwasser. Melasse ist der zähe, dunkle Rest, der übrig bleibt, wenn aus dem Saft der Zucker auskristallisiert wurde. Sirup ist eingekochter Saft. Rum aus Saft schmeckt meist grüner und pflanzlicher, Rum aus Melasse runder und dunkler.
Die zweite große Brennerei der Insel ging den anderen Weg. Grenada Distillers in Woodlands, Parish St. George, wo die Marke Clarke's Court gebrannt wird, wuchs aus einer Zuckerfabrik heraus. Fabrik und Brennerei standen nach Angaben der Fachpresse im selben Gebäude. Heute entsteht der Rum aus eingeführter Melasse, früher kam sie aus Guyana, inzwischen aus Panama.
Dass eine Zuckerinsel ihren Zucker nicht mehr selbst macht, hat mit Stürmen und Preisen zu tun. Nach Hurrikan Ivan 2004 stand der Rohranbau still, und die Fabrik in Dunfermline schloss. Übrig blieb ein Rohrfeld im Tal des Antoine, das mit einer Mühle aus dem 19. Jahrhundert abgeerntet wird.