Abocamiento und Zusätze

Was rein darf, unsichtbar

Abocamiento und Zusätze

Ein kleiner Anteil Karamell oder Zuckersirup darf in fast jeden Tequila, ohne dass das Etikett davon etwas verrät. Genau deshalb ist eine ganze Bewegung entstanden, die genauer hinschaut.

Was Abocamiento ist

Abocamiento bezeichnet die nachträgliche Zugabe bestimmter Stoffe nach der Destillation: Karamellfarbe, Eichenextrakt, Glycerin und Zuckersirup. Zusammen dürfen sie nach mehreren Quellen bis zu rund einem Prozent des Gewichts ausmachen — eine kleine Menge, die aber Farbe, Süße und Mundgefühl deutlich verändern kann.

Die Norm erlaubt das ausdrücklich, weil es Herstellern erlaubt, Farbe und Geschmack über verschiedene Chargen hinweg gleichmäßig zu halten. Ganz ohne Eingriff schwankt ein Naturprodukt wie Agavendestillat von Fass zu Fass.

Der Name „Abocamiento“ kommt vom spanischen Wort für Mundgefühl und beschreibt genau das Ziel dieser Praxis: den Geschmack im Mund abzurunden, nicht den Tequila grundlegend zu verändern. Für die Brennerei ist es ein Werkzeug der Konsistenz, für Käufer bleibt es weitgehend unsichtbar.

Warum es nicht aufs Etikett muss

Die NOM-006 verpflichtet Hersteller nicht dazu, Abocamiento auf dem Etikett zu nennen. Wer nur die Flasche vor sich hat, kann also nicht erkennen, ob und wie viel Karamell oder Sirup zugesetzt wurde — die Angabe „100 % Agave“ bezieht sich allein auf die Zuckerquelle, nicht auf spätere Zusätze.

Für Käufer bedeutet das: Zwei Añejos mit identischem Etikettentext können sich in Süße und Farbe deutlich unterscheiden, je nachdem, wie großzügig die jeweilige Brennerei vom erlaubten einen Prozent Gebrauch macht.

Diese Lücke gehört zu den meistdiskutierten Kritikpunkten an der NOM-006, weil sie Verbrauchern keine Möglichkeit gibt, den Anteil an Zusatzstoffen allein am Etikett zu erkennen.

Blanco: strenger, aber nicht ganz zusatzfrei

Bei Blanco sind die Spielräume enger als bei gereiften Klassen, weil hier weniger Verschnitt- und Farbfreiheiten gelten. Wie genau die Grenzen für Blanco im Detail aussehen, wird in den verfügbaren Quellen nicht einheitlich beschrieben.

Deshalb gilt: Blanco ist die am strengsten regulierte Stufe, aber eine hundertprozentige, gesetzlich garantierte Zusatzfreiheit lässt sich daraus nicht ableiten. Wer das sicher wissen will, muss sich auf Herstellerangaben oder unabhängige Prüfungen verlassen.

Diese Unschärfe ist kein Einzelfall: Viele Details der NOM-006 sind nur über Sekundärquellen bekannt, weil der vollständige Normtext nicht überall frei zugänglich ist. Wer ganz sichergehen will, bleibt auf Herstellerangaben oder unabhängige Laboranalysen angewiesen.

Die Gegenbewegung: „additive-free“

Weil das Etikett allein keine Auskunft gibt, sind unabhängige Prüfstellen entstanden, die Tequilas gezielt auf Zusatzstoffe testen und Listen „additiv-freier“ Marken veröffentlichen — bekannt etwa unter dem Namen Tequila Matchmaker. Solche Prüfungen sind Herstelleraussagen beziehungsweise externe Analysen, keine amtliche Norm.

Für Einsteiger heißt das: Der Begriff „additive-free“ auf einer Flasche ist selbst wieder eine freiwillige Zusatzangabe, keine gesetzliche Klasse. Er füllt genau die Lücke, die die NOM-006 beim Thema Abocamiento offenlässt.

Mezcal macht es andersherum

Mezcal erlaubt Zusätze nicht heimlich, sondern über eine eigene, benannte Klasse: „Abocado con“, gefolgt von der Zutat, etwa Honig oder Frucht. Der Zusatz wird damit selbst Teil des Klassennamens auf dem Etikett.

Damit steht Mezcal fast spiegelverkehrt zu Tequila: Was bei Tequila unsichtbar bleiben darf, muss bei Mezcal wörtlich benannt werden. Zwei Normen, zwei völlig verschiedene Antworten auf dieselbe Frage nach Transparenz.

Für Käufer, die Wert auf Transparenz legen, ist das ein starkes Argument für Mezcal: Ein „Abocado con Miel“ verrät auf einen Blick, was zugesetzt wurde, während ein Tequila mit stillem Abocamiento diese Information vollständig verschweigen darf.

Was das für den Kauf bedeutet

Wer beim Einkauf auf Nummer sicher gehen will, kombiniert am besten mehrere Hinweise: die Klasse auf dem Etikett, unabhängige additive-free-Listen und, falls vorhanden, direkte Angaben der Brennerei auf der eigenen Webseite.

Am Ende bleibt Abocamiento ein legaler, aber wenig sichtbarer Teil der Tequila-Herstellung — wichtig, um das Etikett richtig einzuordnen, aber kein Grund, jede Flasche gleich mit Misstrauen zu betrachten.

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