
Agave, kein Kaktus
„Tequila wird aus Kaktus gemacht“
Sombrero, Sonne, stacheliger Kaktus: So sieht Tequila-Werbung oft aus, und viele schließen daraus, das Getränk stamme aus einem Kaktus. Die Agave ist botanisch etwas ganz anderes, wie diese Station zeigt.
Warum sieht die Agave für viele wie ein Kaktus aus?
Auf Werbeplakaten für Tequila taucht oft dasselbe Bild auf: eine Wüstenlandschaft, ein Sombrero, ein stacheliger Kaktus. Kein Wunder, dass viele glauben, Tequila werde aus Kaktus gebrannt. Agaven wachsen tatsächlich in ähnlich trockenen, sonnigen Landschaften wie viele Kakteenarten, in Jalisco stehen sie manchmal direkt neben Opuntien und Säulenkakteen auf denselben Feldern. Beide Pflanzengruppen haben dicke, wasserspeichernde Teile und scharfe Spitzen, die vor Fressfeinden schützen.
Selbst der Sprachgebrauch verstärkt das Missverständnis: Im Englischen heißen viele stachelige Wüstenpflanzen umgangssprachlich einfach cactus, unabhängig von ihrer botanischen Familie. Wer eine Agave zum ersten Mal sieht, ordnet die dicken, spitzen Blätter intuitiv derselben groben Kategorie zu wie einen echten Kaktus, obwohl beide Pflanzen evolutionär auf getrennten Wegen zu ihrer Form gefunden haben.
Was unterscheidet eine Agave botanisch von einem Kaktus?
Botanisch trennt die beiden Pflanzen eine ganze Verwandtschaftslinie. Kakteen gehören zur Familie Cactaceae und speichern Wasser in dicken, oft blattlosen Stämmen mit charakteristischen Dornenpolstern, den Areolen. Die Agave dagegen ist ein Spargelgewächs, botanisch Asparagaceae, näher verwandt mit Spargel, Yucca-Palmen und Lilien als mit irgendeinem Kaktus. Sie bildet eine Rosette aus dicken, fleischigen Blättern, die in einer harten Spitze enden, speichert Wasser anders und trägt eine völlig andere Blüte.
Auch die Fortpflanzung unterscheidet sich grundlegend. Viele Agavenarten blühen nur ein einziges Mal in ihrem Leben, oft nach vielen Jahren, und sterben danach ab, eine Strategie, die Botaniker semelpar nennen. Kakteen dagegen blühen meist wiederholt über viele Jahrzehnte hinweg. Dieser Unterschied im Lebenszyklus zeigt zusätzlich, wie weit beide Pflanzengruppen botanisch auseinanderliegen, auch wenn die äußere Form ähnlich wirkt.
Woraus wird Tequila stattdessen gebrannt?
Tequila entsteht ausschließlich aus einer einzigen Agavenart, der Agave tequilana Weber, Varietät Azul, auch Blaue Weber-Agave genannt. Nach sechs bis acht Jahren Wachstum ernten Jimadores, die Erntearbeiter, das Herz der Pflanze, die Piña, benannt nach ihrer Form, die an eine große Ananas erinnert. Diese Piña wird gekocht, um die enthaltene Stärke in vergärbaren Zucker umzuwandeln, anschließend gemahlen, vergoren und mindestens zweimal destilliert. Ein Kaktus taucht in diesem Prozess an keiner Stelle auf.
Bei Mezcal gilt mit anderen Arten dasselbe Prinzip: Espadín, Tobalá oder Karwinskii sind allesamt Agaven, keine Kakteen, auch wenn ihre Blätter je nach Art unterschiedlich schmal, breit oder rötlich gefärbt sein können. Die Formenvielfalt innerhalb der Agavenfamilie selbst trägt mit dazu bei, dass Laien sie leicht mit anderen stacheligen Wüstenpflanzen verwechseln.
Gibt es überhaupt eine Verbindung zwischen Agave und Kaktus?
Nein, keine botanische. Die einzige Pflanze, die der Agave tatsächlich nahesteht, ohne selbst eine zu sein, ist der Sotol, botanisch Dasylirion. Beide gehören zur großen Familie der Spargelgewächse, aber zu unterschiedlichen Unterfamilien, Agaven zur Agavoideae, Sotol zur Nolinoideae. Deshalb wird Sotol traditionell ähnlich verarbeitet wie Mezcal, in der Erdgrube gegart, obwohl er streng genommen aus einer anderen Pflanzengruppe stammt. Ein Kaktus bleibt bei alledem außen vor.
Echte Kakteen tauchen in der Welt der Agavenbrände trotzdem gelegentlich auf, allerdings nur als Dekoration oder Zutat in Cocktails, nie als Rohstoff für die Destillation selbst. Wer eine Kaktusfrucht in einem Tequila-Cocktail findet, trinkt also trotzdem einen reinen Agavenbrand, dem lediglich ein weiteres Aroma beigemischt wurde. Am Rohstoff selbst ändert das nichts, die Pflanze dahinter bleibt in jedem Fall eine Agave und kein Kaktus.