
Menge zählt mehr
„Tequila macht mehr Kater“
Tequila hat den Ruf, den härtesten Kater aller Spirituosen zu hinterlassen. Was daran am Trinkritual liegt, was an der Qualität und was schlicht an der Menge, erklärt diese Station sachlich, ohne Gesundheitsversprechen.
Woher kommt der Ruf des besonders harten Katers?
In vielen Ländern wird Tequila vor allem als Shot getrunken, oft schnell hintereinander, mit Salz und Zitrone als festes Ritual. Dieses Trinkmuster führt schneller zu hohen Blutalkoholwerten als etwa ein langsam genossener Wein, weil in kurzer Zeit viel Alkohol aufgenommen wird. Der Kater am nächsten Tag hat deshalb oft weniger mit der Spirituose selbst zu tun als mit der Menge und dem Tempo, in dem sie getrunken wurde.
Auch die gesellige Runde spielt mit: Wer Tequila trinkt, tut das oft bewusst in ausgelassener Gesellschaft, in der Nachfüllen leichtfällt und die getrunkene Menge schwer im Blick bleibt. Diese soziale Dynamik erhöht die tatsächlich konsumierte Alkoholmenge oft stärker, als es beim gemächlichen Genuss anderer Spirituosen der Fall wäre.
Wie wirkt sich der Mixto-Tequila aus?
Ein einfacher Tequila muss laut NOM-006 nur zu mindestens 51 Prozent aus Agavenzucker bestehen, der Rest darf aus anderen Zuckerarten wie Rohrzucker oder Glukosesirup stammen. Diese Mischung, Mixto genannt, enthält häufiger sogenannte Begleitstoffe, chemische Nebenprodukte der Gärung und Destillation wie Fuselalkohole, die in manchen Untersuchungen mit stärkeren Kater-Symptomen in Verbindung gebracht werden. Ein 100-prozentiger Agaven-Tequila, bei dem der gesamte Zucker aus der Blauen Weber-Agave stammt, enthält in der Regel weniger davon.
Die zulässigen Zuckerquellen für den Mixto-Anteil variieren zudem zwischen Herstellern. Manche setzen auf raffinierten Rohrzucker, andere auf Glukose- oder Fruktosesirup, jeweils mit leicht unterschiedlichem Gärverhalten. Dieses uneinheitliche Bild macht es zusätzlich schwer, den Mixto-Anteil pauschal für stärkere Kater-Beschwerden verantwortlich zu machen. Sicher ist nur: Wer weniger und langsamer trinkt, hat am nächsten Morgen weniger Grund zur Klage.
Was zeigt die Forschung zu Alkohol allgemein?
Wissenschaftlich lässt sich kaum sauber trennen, wie stark eine bestimmte Spirituose im Vergleich zu einer anderen einen Kater auslöst, wenn man die getrunkene Alkoholmenge gleich hält. Dunklere, stärker gereifte oder aromatisierte Getränke enthalten tendenziell mehr Begleitstoffe als klare, junge Destillate, das gilt für Tequila ebenso wie für Whisky oder Rum. Wer nach einer Nacht mit Tequila besonders schlecht aufwacht, hat meist schlicht mehr Alkohol getrunken als geplant, oft kombiniert mit zuckerhaltigen Mixern und zu wenig Wasser.
Hinzu kommt der individuelle Faktor: Körpergewicht, Schlafmangel, Flüssigkeitszufuhr während des Abends und fettreiche Nahrung im Magen beeinflussen den Kater oft stärker als die Wahl der Spirituose. Zwei Personen, die dieselbe Menge desselben Tequilas trinken, können am nächsten Morgen völlig unterschiedlich empfindlich reagieren.
Warum bleibt der Ruf trotzdem an Tequila hängen?
Das Trinkritual selbst, Salz, Schnaps, Zitrone in schneller Folge, prägt die Erinnerung an den Kater stärker als bei Getränken, die man gemächlich aus einem Glas nippt. Dazu kommt, dass viele günstige Tequilas im Ausland Mixto-Qualität sind und oft in großen Mengen auf Partys konsumiert werden. Die Kombination aus Trinkgeschwindigkeit, Menge und günstiger Qualität erzeugt den Eindruck, das Getränk selbst sei schuld, wo eigentlich der Konsum die Ursache ist.
Der Ruf verfestigt sich zusätzlich durch Erzählungen, die von Reise zu Reise weitergegeben werden, oft ohne dass jemand den eigenen Konsum jener Nacht noch genau nachvollziehen kann. Eine schlechte Erfahrung mit Tequila bleibt so besonders lange im Gedächtnis haften, während eine vergleichbare Nacht mit Wein oder Bier seltener in derselben Schärfe erinnert wird. Am Getränk selbst liegt das nur in den seltensten Fällen wirklich, meist entscheidet schlicht die getrunkene Menge über den nächsten Morgen.