Der Wurm in der Flasche

Nur bei Mezcal

Der Wurm in der Flasche

Eine kleine Raupe liegt manchmal am Boden einer Mezcal-Flasche, nie in einer Tequila-Flasche. Kaum ein Bild klebt so hartnäckig an Agavenbränden. Woher der Brauch kommt und warum die Norm für Tequila ihn gar nicht vorsieht, klärt diese Station.

Was ist die Raupe in der Flasche wirklich?

In manchen Mezcal-Flaschen schwimmt tatsächlich ein kleines Tier. Auf Spanisch heißt es Gusano de maguey, wörtlich Agavenwurm. Trotz des Namens ist es kein Wurm im biologischen Sinn, sondern die Raupe eines Schmetterlings oder die Larve eines Käfers, die im Stamm oder an den Blättern der Agave lebt. Weil die Tiere seit Generationen zur Ernte gehören, sind sie in Oaxaca und anderen Mezcal-Regionen längst ein eigenes Lebensmittel: geröstet oder frittiert gelten Chinicuiles und Gusanos als Delikatesse, lange bevor jemand auf die Idee kam, eine Raupe in eine Flasche zu legen.

Wer Agaven für Mezcal erntet, findet die Larven regelmäßig beim Ausgraben der Piña, dem gekochten Agavenherz, das für die Gärung gebraucht wird. Für die Jimadores, die Erntearbeiter, war das nie etwas Besonderes. Erst der Handel machte aus einem Nebenprodukt der Ernte ein Erkennungszeichen.

Woher kommt der Brauch, die Raupe hineinzulegen?

Die verbreitete Geschichte nennt einen Unternehmer namens Jacobo Lozano Páez, der die Raupe in den 1940er oder 1950er Jahren zuerst in Flaschen gefüllt haben soll, um Mezcal von Konkurrenzprodukten abzuheben. Belegt ist diese Erzählung durch keine Primärquelle, sie kursiert nur als Überlieferung. Sicher ist dagegen, dass die Raupe ursprünglich ein Verkaufsargument war und kein traditionelles Herstellungsmerkmal: Sie beweist weder Alkoholgehalt noch Qualität, auch wenn genau das lange behauptet wurde.

Neben der Flaschenraupe gibt es einen zweiten, älteren Brauch: Sal de gusano, Wurmsalz. Dafür werden getrocknete, gemahlene Agavenraupen mit Salz und oft gerösteten Chilis gemischt. Dieses Salz wird bei einer Verkostung neben eine Orangenscheibe gereicht, man tunkt beides an, bevor man am Mezcal nippt. Anders als die Flaschenraupe ist dieser Brauch fest in vielen Palenques verankert, den traditionellen Mezcal-Brennereien, und wird dort auch abseits des Tourismus gepflegt.

Warum verbietet die Norm den Wurm bei Tequila?

Für Tequila gibt es diesen Brauch nicht, und das ist keine Lücke, sondern Absicht. Die NOM-006, die Tequila-Norm, die der Regulierungsrat CRT überwacht, regelt genau, was in eine Flasche darf: bei Blanco gar keine Zusätze, bei gereiften Klassen ein enges Fenster für Karamell, Eichenextrakt, Glycerin oder Zuckersirup. Ein ganzes Tier gehört in keiner Kategorie dazu, und der Regulierungsrat selbst bestätigt, dass eine Raupe in einer Tequila-Flasche weder erlaubt noch üblich ist.

Der Unterschied liegt auch am Selbstbild der beiden Getränke. Tequila baute seine Identität seit der Herkunftsbezeichnung von 1974 auf einer einzigen Agavenart, einem klar umrissenen Gebiet und einer kontrollierten Rezeptur auf, exportiert als sortenreines, standardisiertes Produkt. Mezcal dagegen vermarktet seine Vielfalt, die vielen Agavenarten, kleinen Palenques und regionalen Bräuche als Teil des Produkts. Die Raupe passt in dieses Bild, in das andere nicht.

Ist die Raupe ein Qualitätszeichen?

Nein. Viele der besten Mezcal-Abfüllungen, gerade kleine Artesanal- und Ancestral-Erzeugnisse aus Oaxaca, verzichten komplett auf die Raupe. Sie richtet sich vor allem an den Export- und Souvenirmarkt und sagt nichts über Geschmack, Reinheit oder Herstellungsart aus. Wer einen Mezcal nach seiner handwerklichen Qualität beurteilen will, schaut eher auf die Kategorie auf dem Etikett, Ancestral, Artesanal oder industriell, als auf das, was neben dem Getränk in der Flasche liegt.

Manche Exportabfüllungen werben sogar ausdrücklich mit der Raupe auf dem Etikett, weil sie im Ausland als typisch mexikanisches Kuriosum gilt. In Mexiko selbst zieht dieses Verkaufsargument dagegen kaum, dort zählt bei Mezcal vor allem die Herkunft der Agave und das Können des Palenques, nicht das Tier in der Flasche.

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