Die kurze Antwort
Die richtige Trinktemperatur hängt vom Weinstil ab und von deinem Geschmack. Zu warm serviert, drängt sich der Alkohol nach vorn. Zu kalt bleibt der Duft aus, und auch das Mundgefühl ändert sich. „Zimmertemperatur“ ist als Regel deshalb unbrauchbar.

Mit einem kleinen Vergleich anfangen
Probier denselben Wein erst kühl und dann etwas wärmer. Achte darauf, ob der Duft deutlicher wird. Fällt der Alkohol stärker auf? Wird das Mundgefühl angenehmer? Bei Rotwein lohnt sich leichtes Kühlen besonders oft. Sehr kalt wirken die Gerbstoffe dagegen fester und kantiger.
Ein einzelnes perfektes Grad musst du nicht treffen. Die Temperaturangabe auf dem Rückenetikett ist ein guter Start, kein Befehl. Erscheint dir ein Wein gerade zu warm, kühl die Flasche und schenk danach nur wenig nach.
Zwei Gläser reichen für den Vergleich. Schenk aus derselben Flasche eines direkt nach dem Kühlen ein. Das zweite lässt du eine Weile im Raum stehen. Dann probierst du abwechselnd. Den Unterschied merken die meisten sofort, obwohl in beiden Gläsern derselbe Wein ist.
Ein Wein im Glas bleibt ohnehin nicht auf seiner Ausgangstemperatur. Er nimmt die Wärme des Raums auf, und die Hand am Kelch hilft kräftig mit. Schenk deshalb lieber etwas zu kühl ein. Nach oben geht die Temperatur von allein, nach unten musst du nachhelfen.
Servieren und Lagern nicht verwechseln
Ein kühler Lagerplatz schützt den Vorrat. Kurz vor dem Essen darf die Flasche gezielt auf die gewünschte Temperatur kommen. Für einen typischen Spätburgunder sind 16 bis 18 °C ein guter Ausgangspunkt. In vielen Wohnzimmern ist es heute deutlich wärmer.
Stell Weiß- und Schaumwein bei einem langen Essen nicht neben eine heiße Schüssel oder in die Sonne. Füll die Gläser lieber in kleinen Mengen nach. So steht nicht der ganze Ausschank lange warm. Bei einem unbekannten Wein kannst du den Erzeuger nach einer Servierempfehlung fragen. Die Auskunft zur konkreten Flasche hilft mehr als jede allgemeine Tabelle.
Lagern heißt: über Wochen und Monate möglichst gleichmäßig kühl. Servieren heißt: kurz vor dem Essen die Temperatur einstellen, die du dir für diesen Abend wünschst. Wer beides gleichsetzt, holt den Rotwein aus dem warmen Zimmer. Dann wirkt er breit und alkoholisch. Der Kühlschrank ist für die letzte Etappe ein völlig legitimes Werkzeug.
Auch der Raum verändert sich im Lauf eines Abends. Küche, Kerzen und Gäste heizen mit. Was beim ersten Glas passte, kann beim dritten zu warm sein. Merkst du, dass der Wein nachlässt, stell die Flasche zwischendurch zurück ins Kühle und schenk kleinere Mengen aus.

Zu warm, zu kalt: die üblichen Fehler
Der hartnäckigste Irrtum heißt Zimmertemperatur. Die Formel stammt aus Wohnräumen, die deutlich kühler beheizt waren als heutige. Wer sie wörtlich nimmt, serviert Rotwein meist zu warm. Genau dann drängt sich der Alkohol nach vorn, den eigentlich niemand schmecken will.
Das Gegenstück ist der eisige Weißwein. Sehr kalt erfrischt er zunächst, gibt aber kaum Duft ab. Feine Unterschiede zwischen zwei Flaschen verschwinden dabei völlig. Willst du wissen, was ein Weißwein kann, lass ihn im Glas ein paar Minuten kommen und probier noch einmal.
Woran du dich im Alltag orientierst
Die Angabe auf dem Rückenetikett ist der einfachste Einstieg, sofern eine da ist. Sie ist ein Vorschlag und keine Prüfungsfrage. Trink ein Glas genau so, wie empfohlen. Das nächste temperierst du etwas anders. Nach ein paar Flaschen weißt du, ob du es kühler magst als das Etikett vorschlägt oder wärmer.
Notier dir, was dir gefallen hat, und sei es nur ein Stichwort auf dem Handy. Bei Rotwein lohnt der Versuch mit leichtem Kühlen besonders, weil viele ihn nie machen. Wirken die Gerbstoffe fest und kantig, war es zu kalt. Dann lass das Glas einfach ein paar Minuten stehen.