
Anden statt Ozean
Klima
Wer glaubt, jedes chilenische Küstental werde vom Pazifik gekühlt, hat das Valle de Aconcagua noch nicht besucht. Die Küstenkordillere schiebt sich hier wie eine Mauer zwischen das Meer und die Weinberge um Panquehue und San Felipe. Sie hält Nebel und feuchte Meeresluft draußen und lässt die Sonne fast ungebremst durch. Kühlung kommt aus einer anderen Richtung: von den Anden.
Am Fuß der Anden erreicht die Schwankung zwischen Tag und Nacht bis zu fünfzehn Grad, mehr als in den meisten Küstentälern Chiles. Diese Spanne ist selten. Tagsüber klettert das Thermometer im Hochsommer über dreißig Grad, nachts strömt kühle Luft von den schneebedeckten Gipfeln ins Tal und drückt die Werte weit nach unten. Für die Reben ist dieser Unterschied kein Nebeneffekt, sondern der Grund, warum hier überhaupt Qualitätswein steht: Die Beere reift am Tag und erholt sich in der Nacht, ohne dabei Säure zu verlieren.
Regen fällt kaum. Im Jahresmittel kommen im Tal nur rund zweihundert bis zweihundertfünfzig Millimeter zusammen. Die meisten davon fallen im Winter zwischen Mai und August. Die Reben stehen deshalb ausnahmslos an Tropfbewässerung, gespeist aus dem Río Aconcagua, der sein Wasser aus der Schneeschmelze der Anden bezieht. Ein trockener Sommer ist hier kein Risiko, sondern der Normalfall. Genau diese Kontrolle über jeden Tropfen erlaubt es den Winzern, den Reben in dürren Jahren gezielt Stress zu geben oder zu nehmen.
Nur an einer Stelle bricht das Muster: in Aconcagua Costa, wo Errázuriz seit den Neunzigerjahren Parzellen nahe der Küste bepflanzt hat. Dort erreicht die Meeresluft doch noch die Reben, weil das Tal an dieser Stelle offener zum Pazifik liegt als weiter östlich um Panquehue. Mit dem benachbarten Valle de Casablanca hat das trotzdem wenig zu tun. Das ist ein anderes Klima. Casablanca liegt in einer eigenen Unterregion, weiter südlich, ganzjährig unter dem Einfluss des Küstennebels. Aconcagua bleibt das wärmere, trockenere Tal, in dem am Ende die Anden das letzte Wort haben.