
Kloster, Reblaus, Flut
Region & Geschichte
Ob die Römer im Ahrtal schon Reben pflanzten, weiß niemand genau — Beweise fehlen, nur die Vermutung bleibt. Sicher ist erst, was ein Mönch im Jahr 893 in ein Buch schrieb. Der Prümer Urbar, das Güterverzeichnis der Benediktinerabtei Prüm, zählt Weinberge in acht Ahr-Orten auf und macht das Tal damit zu einer der am frühesten belegten Weinlandschaften Deutschlands.
Wirklich Fahrt nahm der Weinbau aber erst mit den Klöstern auf. 1137 gründeten Augustiner-Chorfrauen aus Klosterrath das Kloster Marienthal in einem Seitental der Ahr. Die Nonnen kultivierten von Anfang an die steilen Hänge ringsum. Was sie anlegten, prägte die Landschaft bis heute: schmale Terrassen, von Hand geschichtete Trockenmauern aus Schiefer und Grauwacke, die den Talkessel wie ein Amphitheater umschließen. Nach der Säkularisation wurde aus dem Klosterweingut 1925 eine preußische Staatsdomäne.
1868 taten sich achtzehn Winzer aus Mayschoß zusammen und gründeten die erste Winzergenossenschaft der Welt, aus purer Not. Zwanzig weitere Genossenschaften an der Ahr folgten bis zur Jahrhundertwende. Dann kam die Reblaus. 1881 tauchte sie erstmals bei Heimersheim auf, an der Landskrone, dem berühmtesten Weinberg des Tals, und fraß sich in den folgenden Jahrzehnten flussabwärts durch die Lagen.
Was danach über hundert Jahre lang aus der Ahr kam, war meist hell und süßlich. International nahm man diesen Rotwein kaum ernst. Das änderte ein einziger Winzer aus Dernau. Werner Näkel begann Mitte der Achtzigerjahre, seinen Spätburgunder trocken und in Barriques auszubauen — das galt zu jener Zeit als Fehler, nicht als Stil. 1989 gewann er mit seinem Jahrgang 1987 den Deutschen Rotweinpreis. Das Barriquefieber, das danach durchs Tal ging, veränderte den Ahrwein binnen einer Generation.
In der Nacht zum 15. Juli 2021 verwandelte sich die beschauliche Ahr in eine Flutwelle, die Keller, Fasslager und ganze Betriebe mit sich riss. Von 68 Weingütern im Tal wurden 65 beschädigt, manche bis auf die Grundmauern. Die Winzerschaft sammelte in wenigen Wochen eine der größten Crowdfunding-Summen Deutschlands, fast fünfzigtausend Menschen beteiligten sich. Gepflanzt wurde trotzdem weiter. Schon im folgenden Herbst stand wieder Lese an, in Lagen, die Monate zuvor unter Schlamm gelegen hatten.