
Kloster, Reiter, Riesling
Region & Geschichte
Wein wächst hier seit über tausend Jahren, aber der Rheingau, wie man ihn heute kennt, beginnt im Kloster. Am 13. Februar 1136 zogen Abt Ruthard und zwölf Mönche aus dem burgundischen Clairvaux ins Tal bei Eltville und gründeten Kloster Eberbach. Es war die einzige Tochtergründung Bernhards von Clairvaux auf deutschem Boden. Was sie mitbrachten, war mehr als ein Glaube. Es war eine Arbeitsweise: Boden prüfen, Lagen trennen, Ernten dokumentieren, Jahr für Jahr.
Rheinabwärts, in Johannisberg, geschah 1720 etwas, das bis heute nachwirkt. Mönche pflanzten dort den ersten geschlossenen Weinberg der Welt, der nur aus einer einzigen Sorte bestand: Riesling. Schloss Johannisberg nennt sich seither das älteste Rieslinggut der Welt, und ein Jahr später war der 260 Meter lange Kellergang unter dem Schloss fertig, Platz für tausende Fässer.
Der wichtigste Zufall der deutschen Weingeschichte passierte 1775, und er passierte aus reiner Bürokratie. Johannisberg gehörte damals dem Fürstabt von Fulda, und der bestimmte per Erlass, wann die Lese beginnen durfte. Ein Reiter musste die Erlaubnis über 220 Kilometer holen. Er kam vierzehn Tage zu spät. Die Trauben hingen da längst über der vollen Reife, ein Teil war schon geschrumpft und von grauem Schimmel überzogen. Die Mönche rechneten fest mit einem verlorenen Jahrgang. Sie lasen trotzdem. Was aus den vergammelt wirkenden Beeren im Fass entstand, übertraf jeden Wein, den man in Johannisberg bis dahin gekeltert hatte. Die Edelfäule war entdeckt, und mit ihr die Spätlese.
Der Bote selbst steht seit den Sechzigerjahren als Bronzefigur im Hof von Schloss Johannisberg, eine Traube in der erhobenen Hand: der Spätlesereiter. Aus derselben Klosterwirtschaft stammt noch ein zweites Wort, das bis heute in jedem deutschen Weingesetz steht. Im Cabinetkeller von Kloster Eberbach, erstmals 1730 erwähnt, lagerten die Mönche ihre besten Jahrgänge getrennt von der einfachen Ware, im eigenen, verschlossenen Kabinett. Der Name blieb an den besten Fässern hängen.
Nach dem Krieg driftete auch der Rheingau in Richtung süß und billig ab. 1984 hielt eine Handvoll Winzer in Geisenheim dagegen und gründete den Verein Charta: trockener Riesling, strenge Ertragsregeln, kein nennenswerter Zuckerrest mehr. 1999 folgte die staatliche Anerkennung. Seit diesem Jahrgang dürfen Weine aus klassifizierten Lagen als Erstes Gewächs verkauft werden — die eigene Antwort des Rheingaus auf die Frage, was ein großer trockener Wein hier sein soll.