
Rheinknie & Taunus
Klima
Ein Fluss, der die Richtung wechselt, hat hier den Weinbau überhaupt erst möglich gemacht. Bei Wiesbaden biegt der Rhein aus seinem üblichen Nord-Süd-Lauf fast im rechten Winkel nach Westen ab, das sogenannte Rheinknie, und fließt von dort fünfzig Kilometer in die untypische Richtung, bevor er bei Bingen wieder nach Norden dreht. Genau in dieser Kurve liegt der Rheingau, an einem Hang, der deshalb nach Süden statt nach Osten zeigt.
Im Rücken steht der Taunus. Das Mittelgebirge fängt den kalten Nordwind ab, bevor er die Weinberge erreicht. Zugleich zwingt es feuchte Luft nach oben, wo sie abregnet, statt über den Reben hängen zu bleiben. Ohne dieses Dach wäre der Rheingau nicht wärmer als das Umland. Mit ihm liegt die Jahresmitteltemperatur bei rund 10,7 Grad und der Schnitt während der Vegetationsperiode bei etwa 15,7 Grad.
Der Fluss selbst arbeitet als zweiter Heizkörper. Wasser speichert Wärme länger als Luft, und der breite Strom gibt sie nachts wieder ab, sodass Fröste im Frühjahr seltener zuschlagen als anderswo. Im Herbst kippt derselbe Effekt ins Gegenteil: Morgens liegt Nebel über den unteren Lagen, die Trauben bleiben feucht. Genau das braucht der Pilz, der 1775 aus Versehen die Spätlese möglich machte — Botrytis, die Edelfäule.
Rund 1.649 Sonnenstunden im Jahr zählt der Rheingau im langjährigen Mittel, mehr als die meisten Regionen nördlich der Alpen. Trotzdem ist nicht jeder Hang gleich warm. Wer am Fuß des Taunus steht, erntet später. In dreihundert Metern Höhe reift er knapper als jemand hundert Meter tiefer am Fluss. Auf wenigen Kilometern Luftlinie liegen hier kleine Klimazonen.
Nach Westen, Richtung Assmannshausen und Lorch, wird das Tal enger und kühler, der Fluss schmaler, der wärmende Effekt schwächer. Deshalb gedeiht dort der spätreife, kühleliebende Spätburgunder besser als der Riesling. Der Klimawandel verschiebt diese Balance gerade: Lesen, die früher Mitte Oktober begannen, starten heute oft schon im September. Winzer im Rheingau fragen sich inzwischen offen, ob der Schutz durch den Taunus in zwanzig Jahren noch reicht.