
Liebfrauenmilch bis GG
Region & Geschichte
Schon die Römer pflanzten Reben an den sanften Hügeln zwischen Mainz, Worms und Bingen. Im Jahr 742 schenkte der Frankenherrscher Karlmann eine Kirche bei Nierstein dem Bistum Würzburg. Die zugehörige Weinbergslage heißt heute Niersteiner Glöck und gilt als die älteste dokumentierte Weinlage Deutschlands. Mehr als tausend Jahre Zehnten, Klosterbesitz und Pacht liegen seither auf diesem einen Hang.
Ihren berühmtesten Namen bekam die Region über eine einzige Kirche in Worms — um die Weinberge der Liebfrauenkirche rankte sich ab etwa 1740 der Ruf der „Lieben Frauen Milch“. Ein guter Tropfen von dort kostete im neunzehnten Jahrhundert so viel wie ein Spitzenwein aus Bordeaux. 1910 traf die Wormser Handelskammer eine folgenschwere Entscheidung: Der Name wurde vom Weinberg gelöst und durfte fortan für Rheinwein ganz allgemein stehen. Aus einer Adresse wurde ein Etikett.
1971 goss das neue deutsche Weingesetz diesen Etikettennamen erstmals in eine feste Regel. Liebfraumilch durfte fortan nur noch aus Rheinhessen, der Pfalz und der Nahe kommen und musste lieblich schmecken; der Rheingau kam erst gut zehn Jahre später als viertes Gebiet dazu. Bis heute muss ein Liebfraumilch zu mindestens siebzig Prozent aus Riesling, Silvaner, Müller-Thurgau oder Kerner bestehen. Die Nachfrage explodierte trotzdem sofort, vor allem in England und den USA. Für Rheinhessen war das ein Geschäft und zugleich eine Falle. Wer international an deutschen Wein dachte, dachte an billig und süß. Nicht an die steilen Hänge bei Nierstein, auf denen längst etwas anderes wuchs.
Die Antwort kam von einer Handvoll junger Winzer, die sich nicht mehr abfinden wollten. 2002 gründeten unter anderem Philipp Wittmann aus Westhofen und Klaus-Peter Keller aus Flörsheim-Dalsheim die Gruppe „Message in a Bottle“, und sie ernteten von Hand und reduzierten den Ertrag deutlich. Abgefüllt wurde trockener Riesling aus einzelnen Lagen — keine süßen Verschnitte mehr aus vier Anbaugebieten. Binnen weniger Jahre wurde aus der Gruppe das, was heute als Who-is-who Rheinhessens gilt.
Heute tragen manche Lagen ein besonderes Siegel. Niersteiner Pettenthal, Nackenheimer Rothenberg oder Westhofener Morstein etwa tragen VDP.GROSSES GEWÄCHS, die höchste Stufe für trockenen Lagenwein. Mit rund 27.700 Hektar ist Rheinhessen das größte Anbaugebiet Deutschlands. Ausgerechnet die Region, die einst für süßen Massenwein stand, liefert heute einige der gefragtesten trockenen Rieslinge des Landes. Der Weg von der Liebfrauenmilch zum Grossen Gewächs führte über nur eine Generation.