
1161 bis heute
Region & Geschichte
Otto der Reiche übergab 1161 einen Weinberg bei Meißen an die Kapelle Sankt Egidien. Die Urkunde beschreibt ihn bereits als gut im Ertrag stehend — Reben standen dort also schon vorher. Trotzdem bleibt genau diese Urkunde die älteste schriftliche Spur des Weinbaus im Elbtal, und alles, was man über die Zeit davor vermutet, bleibt Vermutung. Klöster trugen die Sache weiter, schon 1195 erwarb das Kloster Altzella das Dorf Zadel bei Meißen, um dort selbst Reben zu pflanzen. Mit den Mönchen wanderte der Weinberg elbauf- und elbabwärts.
Der Weinbau wuchs über Jahrhunderte, bis er kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg seine größte Ausdehnung erreichte: rund fünftausend Hektar, fast zehnmal so viel wie heute. Sachsen war damit eine der großen Weinlandschaften im deutschsprachigen Raum, nicht die Randerscheinung von heute. 1799 gründeten sächsische Winzer die erste Weinbaugesellschaft Europas, um den Anbau wissenschaftlich zu verbessern. Der Ehrgeiz war alt.
Dann kam die Reblaus. Die Laus befiel ab den 1880er-Jahren Rebstock um Rebstock, indem sie die Wurzeln anfraß, bis die Pflanze verhungerte. 1907 erklärten die sächsischen Behörden das gesamte Anbaugebiet offiziell für verseucht. Als 1990 die Wende kam, standen im ganzen Land noch 220 Hektar Reben übrig — kaum drei heutige Weingüter zusammengenommen.
Was danach geschah, lässt sich an einer einzigen Familie ablesen. Die Familie zur Lippe hatte Schloss Proschwitz bei Meißen seit Generationen bewirtschaftet, bis man sie 1945 enteignete. Georg Prinz zur Lippe kaufte Haus und Weinberge ab 1990 Stück für Stück zurück, baute Proschwitz zum größten Privatweingut Sachsens aus und wurde 1996 Mitglied im Verband Deutscher Prädikatsweingüter. Ähnliche Geschichten gibt es mehrfach, nur selten so vollständig dokumentiert wie diese.
Heute zählt das Anbaugebiet wieder 531 Hektar, verteilt auf rund 1.400 Betriebe. Die meisten davon sind Kleinstflächen unter zwei Ar, dazwischen stehen einige professionelle Güter wie eben Proschwitz. Die Sächsische Weinstraße verbindet die alten Stationen dieser Geschichte auf 55 Kilometern, von Pirna über Dresden und Radebeul bis nach Diesbar-Seußlitz. Sachsen liegt auf 51 Grad nördlicher Breite und ist damit das östlichste Weinanbaugebiet Deutschlands.