
Neckar gegen Kontinent
Klima
Anders als die Weinberge am Rhein liegt Württemberg mitten im Land, fern vom Meer, und das ist hier immer zu schmecken. Das ganze Anbaugebiet liegt in einer Übergangszone zwischen atlantischem und kontinentalem Klima, näher am kontinentalen Ende als jede andere große deutsche Weinregion. Sommer werden heiß, Winter können bitterkalt ausfallen. Genau diese Winterfröste sorgen noch immer in manchen Jahren für spürbare Ertragseinbußen, ein Risiko, das Winzer am milderen Rhein kaum kennen.
Der Neckar selbst gleicht einiges davon aus. Sein breites Wasserband speichert Wärme und gibt sie in kühlen Nächten wieder ab, wie ein natürlicher Ofen, der besonders den Steillagen direkt über dem Fluss zugutekommt. Dort, wo Trockenmauern aus Muschelkalk die Terrassen stützen, kommt ein zweiter Effekt dazu: Die Steine heizen sich tagsüber auf und strahlen die Wärme nachts wieder in die Reben zurück. Wer die Hand im Oktober an eine solche Mauer legt, spürt noch um Mitternacht die Sonne des Nachmittags.
Im Sommer klettert das Thermometer im Neckarbecken um Heilbronn und Stuttgart regelmäßig über dreißig Grad. Im höher gelegenen Bereich Oberer Neckar bei Tübingen bleibt es dagegen spürbar kühler. Diese Spanne entscheidet, welche Sorte wo steht. Trollinger braucht Wärme und reift spät. Deshalb wächst er fast nur im warmen Unterland. Lemberger ist genügsamer, verträgt aber keinen Frost im Frühjahr, weil seine Augen früh austreiben. Riesling dagegen erträgt auch kühlere Lagen und liefert dort oft die schlankeren, rassigeren Weine.
Am Bodensee, in dem kleinen Zipfel, der weingeografisch noch zu Württemberg zählt, mildert der See selbst das Klima. So etwas gibt es sonst nirgendwo im Anbaugebiet. Nur wenige Hektar liegen dort, aber sie zeigen, wie unterschiedlich ein einziges Weinbaugebiet sein kann, von Frostnächten im Weinsberger Tal bis zu fast schon milden Seewintern bei Lindau. Der Klimawandel verschiebt die Lese seit Jahren nach vorn. Das alte Risiko bleibt trotzdem: Ein einziger Kälteeinbruch im April kann in Württemberg noch immer die Ernte eines ganzen Jahrgangs halbieren.