Region & Geschichte in der Region Kent

Römer bis Taittinger

Region & Geschichte

Als römische Truppen im Jahr 43 nach Christus bei Richborough in Kent an Land gingen, hatten sie den Weinstock im Gepäck. Britannien war gerade erst erobert. Trotzdem hatten römische Villen im Süden oft kleine Rebflächen, denn ein Gutsherr ohne eigenen Wein war kaum vorstellbar. Kent lag dabei von Anfang an ganz vorn. Ob dort selbst schon Reben wuchsen, lässt sich nicht beweisen. Die sichersten Spuren römischen Weinbaus in Britannien liegen weiter nördlich, im Tal des Flusses Nene. Sicher ist dagegen: Das Domesday Book von 1086 verzeichnete fünfundvierzig Weinberge, alle im Südosten Englands, und mitten in diesem Streifen lag Kent.

Fast alle diese Höfe gehörten Normannen oder großen Abteien. Wein war Sache der Reichen und der Kirche. Dann kam der jähe Einbruch für den englischen Weinbau. Heinrich der Achte löste 1536 die Klöster auf, das Klima kühlte sich in die Kleine Eiszeit ab, und der englische Weinberg verschwand für gut vierhundert Jahre fast vollständig aus der Landschaft.

Zurück kam er über einen Umweg durch den Apfelanbau. Die Familie Barnes bewirtschaftete in Biddenden Streuobstwiesen. 1969 brachten sinkende Apfelpreise und eine Radiosendung über englischen Wein Joyce Barnes auf eine Idee: eine Testfläche mit Reben, mitten zwischen den alten Bäumen. Biddenden gilt seither als ältester durchgehend bewirtschafteter Weinberg der Grafschaft.

Zwei der größten Anlagen jener frühen Jahre, Lamberhurst und Tenterden, schlossen sich im Jahr 2000 zusammen. Ein Jahr später kam Carr Taylor als dritter Betrieb dazu. 2002 übernahm der frühere Bier-Manager Frazer Thompson die Leitung und bündelte die Schaumweine unter dem neuen Namen Chapel Down. Binnen zwei Jahrzehnten wurde daraus Englands größter Weinproduzent, mit Sitz in einem restaurierten Oasthaus in Tenterden.

Der endgültige Ritterschlag kam von der Konkurrenz. Champagne Taittinger kaufte 2015 in Chilham eine ehemalige Apfel- und Birnenplantage. Ab 2017 pflanzte das Haus dort auf sechzig von hundertfünfundzwanzig Hektar Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Den Namen Domaine Evremond gaben sie nach Charles de Saint-Évremond, einem französischen Schriftsteller, der ab 1661 im Exil in London den Champagner am Hof Karls des Zweiten bekannt machte. Die ersten Flaschen kamen 2025 in den Verkauf. Dass ein Champagner-Haus sein Geld ausgerechnet in Kent anlegt, ist die höflichste Art zu sagen: Hier stimmt der Boden.

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