
Kloster, Krieg, Grenzwechsel
Region & Geschichte
Die Reben kamen mit den Römern. Im zweiten Jahrhundert nach Christus pflanzten Siedler am Fuß der Vogesen die ersten Weinberge, das belegen Ausgrabungen entlang der alten Rheinstraße. Ab dem dritten Jahrhundert rodeten sie ganze Hänge, systematisch und in großem Maßstab. Daraus wurde eine Kultur, die zweitausend Jahre lang nicht mehr abriss.
Dann kamen die Mönche. Nach dem Ende Roms übernahmen Klöster die Arbeit, pflegten die Weinberge und führten Buch über jede Lese. Ihren Wein schickten sie den Rhein hinunter, und schon im neunten Jahrhundert erreichte er die Niederlande, die Schweiz und deutsche Fürstenhöfe. Der Ruf wuchs weiter. Zwischen 1200 und 1600 stand elsässischer Wein europaweit in einem Ruf, der heute kaum noch vorstellbar ist, verschifft bis nach Skandinavien und England, gehandelt neben den besten Weinen vom Rhein.
Dann kam der Dreißigjährige Krieg. Zwischen 1618 und 1648 entvölkerten Kämpfe und Pest ganze Dörfer im ganzen Elsass. Wer überlebte, pflanzte aus purer Not neu, nicht mehr am steilen, mageren Hang, sondern unten in der fruchtbaren Ebene. Dort wächst mehr Traube pro Stock. Die Qualität brauchte danach Jahrhunderte, um sich davon zu erholen.
Und dann die Grenze, die viermal wechselte. 1871 fiel das Elsass nach dem Krieg gegen Frankreich an das neue Deutsche Reich, 1919 kehrte es zu Frankreich zurück, 1940 annektierte es Nazi-Deutschland erneut, und 1945 wurde es endgültig wieder französisch. Vier Staatszugehörigkeiten in vierundsiebzig Jahren. Mittendrin, um das Jahr 1900, zerstörte die Reblaus fast den gesamten Weinberg. Was blieb, war eine Gewohnheit von der deutschen Seite der Grenze: den Namen der Rebsorte auf das Etikett zu schreiben, wo der Rest Frankreichs den Ort nennt.
Der Wiederaufbau kam erst nach 1945. Am 2. November jenes Jahres schuf eine Verordnung die Bezeichnung „Vin d'Alsace“, und schon 1962 wurde daraus die volle Appellation d'origine contrôlée. 1953 gründete das Fremdenverkehrsamt von Issenheim bei einer Autorallye die Route des Vins d'Alsace, hundertsiebzig Kilometer von Marlenheim bis Thann durch mehr als hundert Weinorte wie Riquewihr und Kaysersberg. Colmar blieb dabei bis heute ihre heimliche Hauptstadt.