Region & Geschichte in der Region Roussillon

Mallorca bis Paris

Region & Geschichte

Wer heute über den Markt von Perpignan geht, hört öfter Katalanisch als irgendwo sonst in Frankreich. Das hat einen Grund. Bis 1659 gehörte die Stadt nicht zu Frankreich, sondern zur Krone von Aragón. Davor gehörte sie sogar kurz zum eigenständigen Königreich Mallorca, das hier residierte statt auf der Insel. Erst der Pyrenäenfrieden zog die Grenze entlang der Berge und machte aus dem katalanischen Nordteil französisches Gebiet — die Sprache blieb trotzdem, bis heute auf Ortsschildern und Speisekarten.

Schon fünf Jahrhunderte vor diesem Grenzstrich hatten die Templer bei Trouillas, wenige Kilometer südwestlich von Perpignan, ihre wichtigste Kommende im Roussillon gegründet: Mas Deu, urkundlich belegt ab 1136. Dort soll der Überlieferung nach um 1285 der Arzt Arnaud de Villeneuve ein Verfahren entwickelt haben, das die Weinwelt bis heute prägt. Beweisen lässt sich das nicht. Erzählt wird es trotzdem, in fast jedem Weinführer der Region. Er goss reinen Traubenbranntwein in den gärenden Most, bis die Hefen daran starben. Die Gärung stoppte schlagartig, der Restzucker blieb erhalten, und der Alkoholgehalt sprang auf einen Schlag nach oben. Mutage nennt man das bis heute. Ohne diesen einen Kniff gäbe es weder Banyuls noch Maury.

Nicht in Bordeaux und nicht im Burgund fiel 1936 die nächste Entscheidung des neuen französischen Herkunftsschutzes, sondern hier. Banyuls erhielt die Appellation d'origine contrôlée am 6. August 1936. Maury folgte im selben Sommer. Beide kamen Monate nach den ersten sechs AOCs des Landes wie Châteauneuf-du-Pape — aber deutlich vor Bordeaux im November und vor den ersten burgundischen Lagen im Winter darauf. Der Grund war handfest: Süße, aufgespritete Weine aus dem Roussillon füllten damals die Aperitifgläser von Paris bis Lyon, und ohne Herkunftsschutz drohte billige Nachahmung aus dem Rest des Landes. Das trug fast siebzig Jahre. Dann kippte der Geschmack. Ab den Achtzigerjahren wollte kaum noch jemand süßen Aperitif trinken, die Erzeugung brach ein, und ganze Dörfer im Fenouillèdes lebten plötzlich von einer Ware, die niemand mehr kaufte.

Die Antwort einer neuen Winzergeneration war nicht süß, sondern trocken. Ab den Neunzigerjahren begannen Betriebe in den Bergdörfern des Fenouillèdes, ihre alten Grenache- und Carignan-Reben nicht mehr für VDN zu ernten, sondern für kräftige, trockene Rotweine mit eigenem Namen. Latour-de-France, Caramany und Lesquerde dürfen ihren Namen sogar aufs Etikett schreiben, als eigene benannte Lagen innerhalb der Côtes du Roussillon Villages. Heute stehen dieselben alten Rebstöcke, viele über fünfzig Jahre alt, wieder für Qualität statt für Masse. Ein Erbe, zweimal neu gedeutet.

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