Region & Geschichte in der Region Imeretien

Königreich am Rioni

Region & Geschichte

Jason und seine Argonauten sollen mit dem Schiff Argo bis hierher gerudert sein, den Rioni hinauf, auf der Suche nach dem Goldenen Vlies. Antike Autoren nannten die Stadt an diesem Fluss Aia und legten dorthin das sagenhafte Königreich Kolchis. Heute heißt der Ort Kutaissi. Ob Jason wirklich hier war, weiß niemand. Aber wer heute durch die Gärten von Kutaissi geht, stößt auf dieselbe Sache, die vermutlich schon die Kolcher hatten: eingegrabene Tonkrüge, in denen der Wein reift. Man nennt sie hier Churi, nicht Qvevri wie im Osten des Landes, und das ist mehr als nur ein anderes Wort.

Über tausend Jahre später baute König Bagrat der Dritte am selben Fluss die Bagrati-Kathedrale, im Jahr 1003. Das war ein Zeichen dafür, dass er die georgischen Teilreiche gerade zu einem einzigen Königreich vereint hatte. Die Ironie kam bald danach. Als dieses vereinte Georgien im fünfzehnten Jahrhundert wieder zerfiel, wurde ausgerechnet Kutaissi zur Hauptstadt eines eigenen, abgespaltenen Reichs. Das Königreich Imeretien war ab 1466 unabhängig von den Nachbarn im Osten. Es hielt sich über dreihundert Jahre. Dann marschierten 1810 russische Truppen ein und zwangen den letzten König, Solomon den Zweiten, ins Exil nach Trapezunt, wo er 1815 starb.

Unter russischer Verwaltung wurde Wein zur Handelsware. Die Dörfer der Gegend bekamen einen Ruf, der bis heute hält: Dimi, Obcha, Sviri und ein halbes Dutzend weitere galten im neunzehnten Jahrhundert als die besten Weinorte Westgeorgiens. Ihr Wein unterschied sich damals schon deutlich von dem im östlichen Kachetien, wo die Maische monatelang mit Schale und Stielen gärt. Im feuchteren Westen dagegen ließ man den Trauben viel weniger Zeit auf der Schale — warum, erklärt die Station zur Herstellung.

Die Sowjetzeit drehte diese Sorgfalt in ihr Gegenteil. Kollektivbetriebe sollten Masse liefern, nicht Charakter, und alte Dorflagen verschwanden in riesigen Genossenschafts-flächen. Nach der georgischen Unabhängigkeit blieb Russland trotzdem der wichtigste Abnehmer. Erst 2006 kippte das: Moskau verbot sämtliche Importe aus Georgien, offiziell wegen mangelnder Qualität, tatsächlich aus politischen Gründen. Die Exporte brachen über Nacht um die Hälfte ein. Georgische Winzer mussten neue Käufer im Westen finden — und entdeckten dort Interesse an genau den alten, bernsteinfarbenen Churi-Weinen, für die man sich zu Sowjetzeiten fast geschämt hatte.

Sviri war dabei längst amtlich: Die Herkunftsbezeichnung besteht bereits seit 1962 und blieb jahrzehntelang die einzige in ganz Imeretien. Erst im Dezember 2024 kam mit Obcha eine zweite dazu, benannt nach den Dörfern um Baghdati und auf zwei Farben zugeschnitten. Die eine ist bernsteinfarben aus Tsolikouri, die andere tiefrot aus Otskhanuri Sapere. Die Bagrati-Kathedrale wiederum verlor 2017 ihren Status als UNESCO-Welterbe, weil der UNESCO der Wiederaufbau zu weit ging. Auch die ältesten Wahrzeichen der Region werden hier offenbar immer wieder neu verhandelt.

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