Region & Geschichte in der Region Kachetien

Königreich bis Embargo

Region & Geschichte

Wer die Stadtmauer von Sighnaghi entlangläuft, zählt bis dreiundzwanzig. So viele Türme ließ König Erekle II. im Jahr 1762 errichten, jeder nach einem Dorf benannt, dessen Bewohner sich im Ernstfall dorthin retten sollten. Der Ernstfall kam oft: Reiterhorden aus Dagestan überfielen die Ebene immer wieder, eine Bedrohung, die man in Kachetien bis heute Lekianoba nennt. Vier Kilometer Mauer über einem Hügel mit Blick auf das Alazani-Tal — kaum eine Festung im Kaukasus ist so lang geraten.

Kachetien war lange ein eigenständiges Königreich, getrennt von Kartli im Westen. Erst Erekle II. vereinte beide Kronen, regierte von Telavi aus und suchte 1783 Schutz bei Russland, besiegelt im Vertrag von Georgijewsk. Die Rechnung ging nicht auf. Achtzehn Jahre später annektierte das Zarenreich das Königreich schlicht, Telavi verlor seinen Rang als Hauptstadt, und aus einem Thron wurde eine russische Provinzverwaltung.

Aus dieser neuen Provinz kam ausgerechnet ein Fortschritt für den Wein. Alexander Chavchavadze, Fürst und Dichter, hatte in Sankt Petersburg studiert und brachte die europäische Fassreifung mit auf sein Gut Tsinandali. Ab den 1830er-Jahren ließ er einen Teil des Mosts dort in Eichenholz statt im Qvevri reifen und danach in Flaschen füllen, darunter ein Saperavi von 1841, der heute noch im Gutskeller liegt und als älteste erhaltene Flasche des Landes gilt. Zwei Traditionen liefen von da an nebeneinander her: die im Ton vergrabene, uralte, und die neue, europäisch geprägte.

Die Reblaus erreichte den Kaukasus im späten 19. Jahrhundert und vernichtete einen Großteil der einheimischen Reben. Kachetien pfropfte auf amerikanische Unterlagen, rettete, was zu retten war, doch die alte Sortenvielfalt kehrte nie vollständig zurück. In der Sowjetunion wurde die Region danach zum Weinlager eines ganzen Imperiums, Menge zählte, Herkunft kaum. Nach der Unabhängigkeit traf 2006 der nächste Einschnitt: Ein russisches Embargo löschte über Nacht rund neunzig Prozent des Exports aus.

2013 erklärte die UNESCO die traditionelle Qvevri-Methode zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit — genau jene Technik, die in Kachetiens Kellern nie ausgesetzt hatte. Königreich, Zarenreich, Sowjetunion, unabhängiger Staat: Die Namen über dem Land wechselten viermal. Der Ton unter der Erde blieb derselbe.

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