
8000 Jahre Ton
Region & Geschichte
Rund dreißig Kilometer südlich von Tbilisi liegt ein unscheinbarer Hügel namens Gadachrili Gora. Archäologen der Universität Toronto und des Georgischen Nationalmuseums gruben dort Tonscherben aus einer Siedlung aus, die fast achttausend Jahre alt ist. In den Ritzen der Scherben steckte Weinstein. Das ist ein Rückstand aus Weinsäure, der beim Gären von Traubensaft entsteht. Ältere Spuren kennt die Forschung bisher nicht. Kartli, die weite Ebene um den Fluss Mtkvari, gilt seither als einer der Orte, an denen Menschen zum ersten Mal überhaupt Wein herstellten.
Das kleine Königreich auf diesem Boden hieß in der Antike Iberien, im Mittelalter dann Kartli. Perser, Araber, Mongolen und später Russen zogen durch, jeder mit eigenen Steuern und eigenen Göttern. Der Weinberg blieb trotzdem stehen. Was sich hielt, war eine bestimmte Art zu keltern. Most und Schalen wandern in ein bauchiges Tongefäß, das Qvevri heißt und im Boden vergraben wird. Dort gärt und reift der Wein, geschützt vor Frost und Hitze durch nichts als ein paar Meter Boden. 2013 erklärte die UNESCO dieses Verfahren zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit.
Diese Ordnung bekam im neunzehnten Jahrhundert Konkurrenz. Fürst Ivane Mukhranbatoni, ein Nachfahre der georgischen Königsfamilie Bagrationi, hatte in Bordeaux und der Champagne Weinbau studiert. 1878 kelterte er im Tal von Mukhrani den ersten Jahrgang seines neuen Guts, mit Presse, Fass und Flasche nach französischem Vorbild, nicht mit Qvevri. Sein Schaumwein gewann 1882 in Sankt Petersburg den Grand Prix und 1889 in Paris eine Goldmedaille. Bis heute stellt die Firma Bagrationi 1882 nach ähnlichem Verfahren Sekt her. Im Dorf Chardakhi, keine zehn Kilometer entfernt, füllt der Winzer Iago Bitarishvili seinen Chinuri noch immer in vergrabene Tongefäße.
Die Sowjetzeit bevorzugte Menge vor Herkunft, und viele der alten Sorten verschwanden zugunsten weniger Massenweine, während Russland nach 1991 zunächst der wichtigste Abnehmer für georgischen Wein blieb, bis Moskau 2006 sämtliche Einfuhren stoppte, angeblich aus Qualitätsgründen, tatsächlich aus Politik. Über Nacht fehlten achtzig Prozent des Marktes. Die Branche musste neue Käufer finden und dabei die Qualität anheben, die vorher oft unter Etiketten wie „Sowjet-Champagner“ gelitten hatte. Aus dieser Not entstanden 2007 die geschützte Herkunftsbezeichnung Ateni für Kartlis Schaumwein und 2018 die Bezeichnung Bolnisi für trockene Weine aus der südlichen Ebene.