
Akrotiri bis Vinsanto
Region & Geschichte
Unter zehn Metern Bimsstein liegt eine Stadt, aus der jeder rechtzeitig verschwand. Ab 1967 grub der Archäologe Spyridon Marinatos bei Akrotiri eine minoische Siedlung frei. Er fand dreistöckige Häuser mit Fresken, eine Kanalisation und randvolle Vorratskrüge — aber kein einziges menschliches Skelett. Vorbeben hatten die Bewohner offenbar gewarnt, denn sie nahmen ihre Wertsachen mit und ließen nur Möbel, Werkzeug und Wandmalerei zurück. Dann explodierte der Vulkan um 1600 vor Christus in einer der stärksten Eruptionen der letzten viertausend Jahre und riss die heutige Caldera auf. Zwischen der Asche fanden sich auch Traubenkerne und Gefäße mit Ausguss. Wein wurde hier also schon gemacht, lange bevor jemand das Wort Sommelier erfand.
Der heutige Name entstand erst viel später. 1207 gründete der Venezianer Marco Sanudo das Herzogtum Naxos aus den Trümmern von Byzanz. Er übergab Santorini an die Familie Barozzi, die bis 1480 hier herrschte. In dieser Zeit verdrängte der Name einer Dorfkirche, Agia Irini, langsam den antiken Namen Thera: Aus Santa Irini wurde Santorini. Venezianische Händler verschifften den örtlichen Süßwein in Fässern, die schlicht mit vin di Santo beschriftet waren. Aus dieser Aufschrift wurde irgendwann ein einziges Wort. Vinsanto.
Im achtzehnten Jahrhundert liebte vor allem Russland diesen Wein. Die russisch-orthodoxe Kirche kaufte ihn fassweise für die Liturgie, und Handelsschiffe brachten ihn bis nach Odessa. Santorini erlebte im neunzehnten Jahrhundert eine erste Blüte: Die Rebfläche wuchs auf rund viertausend Hektar. Dann kam die Reblaus, die in drei Jahrzehnten fast jeden Weinberg Europas vernichtete — nur hier nicht, weil ihr die Vulkanasche keinen Halt bot. Während der Kontinent neu gepflanzt wurde, blieben Santorinis Wurzeln, wie sie waren, und mancher Stock trägt bis heute Trauben auf seinen eigenen, über hundert Jahre alten Wurzeln.
1971 bekam die Insel ihre eigene Herkunftsbezeichnung, PDO Santorini, die seither nur für Weißwein gilt. Doch die Fläche schmilzt weiter. Aus den rund viertausend Hektar der Sechzigerjahre wurde bis 1980 schon die Hälfte, und heute bleiben davon nur noch etwa elfhundert Hektar übrig. Hotels zahlen mehr für denselben Boden, als jeder Wein je einbringen kann, und was die Asche über Jahrtausende bewahrt hat, verschwindet gerade in einer einzigen Generation unter Beton.