
Vulkan, Orazio, Albanesi
Region & Geschichte
Reste einer römischen Kelter liegen bis heute in Rionero am Vulture. Sie wurden nahe jenem erloschenen Vulkan gefunden, der der Region ihre Böden und ihren wichtigsten Wein gibt. Sie zeigen, dass hier schon vor rund zweitausend Jahren Trauben gepresst wurden. Wahrscheinlich brachten griechische Siedler die ersten Reben mit, als sie ab dem achten Jahrhundert vor Christus an den Küsten Süditaliens landeten. Der Dichter Orazio, geboren 65 vor Christus im nahen Venosa, lobte später in seinen Gedichten den Wein seiner Heimat. Alt ist hier fast alles.
Im neunzehnten Jahrhundert kam die Reblaus, ein Schädling, der die Wurzeln der Reben zerstört, und vernichtete auch am Vulture große Teile der Weinberge. Die Erholung dauerte Jahrzehnte. Parallel dazu hatte sich hier bereits im sechzehnten Jahrhundert eine andere Geschichte abgespielt. Zwischen 1533 und 1534 flohen Albaner vor der osmanischen Eroberung ihrer Heimat und gründeten am Fuß des Vulkans die Dörfer Barile, Ginestra und Maschito. Sie sprechen bis heute teilweise ihre eigene Sprache, das Arbëresh. Sie beten nach griechisch-byzantinischem Ritus und fanden unter ihren Dörfern ein Gestein vor, das sich mit einfachen Werkzeugen aushöhlen ließ: den vulkanischen Tuff. Allein im Gebiet von Rionero gruben Generationen von Bauern über eintausendfünfhundert solcher Keller in den Fels.
Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein verließ der Aglianico die Region meist in Fässern, verkauft als namenloser Verschnittwein für den Norden. Das änderte sich, als die Familie D'Angelo in den 1920er-Jahren in Rionero begann, den Wein unter eigenem Namen abzufüllen. Andere Betriebe folgten. 1971 erhielt Aglianico del Vulture den DOC-Status, eine der ersten Herkunftsbezeichnungen Süditaliens. Das ist die mittlere Qualitätsstufe der italienischen Weingesetze; fast vierzig Jahre später, 2010, stieg die Spitzenversion, Aglianico del Vulture Superiore, zur höchsten Stufe auf, der DOCG. Zwischen diesen beiden Daten liegt die eigentliche Wandlung: vom Massenwein zum gesuchten Rotwein aus vulkanischem Boden.
Heute nutzen viele Kellereien genau jene Tuffhöhlen, die einst als Fluchtunterkunft oder Lagerraum entstanden. In Barile wurde ein ganzes Viertel solcher Grotten zum Freilichtmuseum, benannt nach dem albanischen Wort für Platz. Über hundertdreißig Kammern liegen dort im Fels, manche fünfhundert Jahre alt, und noch immer reift Aglianico in ihrer gleichbleibend kühlen Luft. Der Regisseur Pier Paolo Pasolini drehte 1964 sogar Szenen seines Films über das Matthäusevangelium in genau diesen Kellern. Was als Notunterkunft begann, ist zur Weinkellerei geworden.