
Piceni bis Verdicchio
Region & Geschichte
Fast zweihundert Traubenkerne lagen im Grab eines piceno Fürsten bei Matelica. Verscharrt im siebten Jahrhundert vor Christus, gefunden erst in der Neuzeit, in der Nekropole von Villa Clara zusammen mit bronzenen Trinkgefäßen. Die Piceni, ein Volk zwischen Apennin und Adria, bauten damals schon seit gut hundert Jahren Wein an. Sie verkauften ihn weiter, aus wilden Reben, die in den Wäldern der Gegend wuchsen. Vom Verdicchio wusste noch niemand etwas.
Die Römer eroberten das Land im dritten Jahrhundert vor Christus und nannten es Picenum. Plinius der Ältere beschrieb Jahrhunderte später die Reben dieser Küste, und was er notierte, klingt nach einer Gegend, die längst großflächig anbaute. Die Piceni verschwanden als eigenständiges Volk. Ihr Name blieb und steckt bis heute in Ascoli Piceno und im Rosso Piceno, dem meistgetrunkenen Rotwein der Region.
Über das frühe Mittelalter schweigen die Quellen fast vollständig. Dann taucht 1579 in einem Notarsvertrag aus Matelica zum ersten Mal das Wort Verdicchio auf. Ein Jahr zuvor war das Tal von der Herrschaft der Ottoni, der Matelica beherrschenden Adelsfamilie, an den Kirchenstaat übergegangen. Mönche siedelten in der Vallesina und brachten Ordnung in Weinberge, die jahrzehntelange Machtkämpfe verwildern ließen. Ohne dieses Aufräumen stünde der Name vielleicht erst ein Jahrhundert später auf Papier.
Woher die Sorte selbst stammt, ist weniger klar. Genetisch ist Verdicchio identisch mit dem Trebbiano di Soave aus dem Veneto. Eine Theorie erklärt das mit der Pest: Flüchtlinge sollen im fünfzehnten Jahrhundert Rebholz aus dem Norden mitgebracht haben, auf der Flucht vor der Seuche nach Mittelitalien. Der Name selbst ist unspektakulär. Verdicchio heißt schlicht das Grünliche, nach der Farbe der reifen Beere.
Um Jesi entstand im Mittelalter ein Ring aus vierzehn befestigten Dörfern, gebaut gegen die rivalisierende Stadt Ancona und mitten in den Machtkämpfen um Kaiser Friedrich II. Diese Dörfer gaben dem Verdicchio dei Castelli di Jesi seinen Namen. Amtlich kam die Geschichte erst spät an: Verdicchio di Matelica erhielt 1967 als erster Wein der Marken eine DOC, ein Jahr später folgte Jesi. Beide Riserva-Stufen stiegen 2010 zur DOCG auf.