
Verdicchio & Montepulciano
Rebsorten
In den Marken teilen sich zwei Sorten die Bühne, eine weiße und eine rote, und beide klingen für die meisten Weintrinker fremd. Verdicchio heißt die weiße, benannt nach der grünlichen Farbe ihrer Beeren, und sie wächst fast nirgendwo sonst in Italien in solcher Menge. Montepulciano heißt die rote. Nicht zu verwechseln mit der toskanischen Stadt gleichen Namens, die einen ganz anderen Wein aus Sangiovese hervorbringt.
Verdicchio ist zäh. Die Schale ist dick, das hält Pilzkrankheiten fern, und selbst bei voller Reife bleibt die Säure hoch — ungewöhnlich für einen Weißwein aus einer so warmen Küstenregion. Im Glas riecht sie oft nach grüner Mandel und Zitrusschale, manchmal auch salzig, fast jodig, als hätte sie das nahe Meer mitgerochen. Diese Kombination aus Säure und dichter Schale erklärt, warum Verdicchio anders als die meisten italienischen Weißweine jahrzehntelang reifen kann.
Bei Rot dominiert Montepulciano, ergänzt meist von Sangiovese. Die Traube ist dickschalig und dunkel, reift spät und braucht Wärme. Deshalb gedeiht sie an der Küste um den Conero am besten, wo der Kalkstein die Hitze des Tages hält und sie nachts wieder abgibt. Reinsortig ergibt Montepulciano den Rosso Conero. Gemischt mit Sangiovese im Verhältnis von fünfunddreißig bis fünfundachtzig zu fünfzehn bis fünfzig Prozent ergibt sie den Rosso Piceno, den meistgepflanzten Rotwein der Region.
Eine dritte Sorte fällt aus dem Rahmen. Lacrima wächst fast nur um das Dorf Morro d'Alba, auf einer Fläche, die man in einer Stunde zu Fuß umrunden könnte, und sie duftet nach Rosen und wilden Brombeeren. Verantwortlich dafür ist ein Molekül namens Geraniol, dasselbe, das auch dem Gewürztraminer seinen Duft gibt. In den Sechzigerjahren stand die Sorte kurz vor dem Aussterben, weil Bauern sie gegen ertragreichere Reben austauschten. Erst eine Handvoll Winzer holte sie zurück in den Weinberg.
Die seltenste Sorte trägt einen irreführenden Namen. Vernaccia Nera hat mit der toskanischen Vernaccia di San Gimignano nichts zu tun. Sie ist eine eigenständige rote Sorte, die nur rund um Serrapetrona wächst, in Lagen zwischen vierhundertfünfzig und sechshundert Metern, auf tonigem, gut entwässertem Boden. Dort wird sie zu einem roten Schaumwein verarbeitet, für den es in ganz Italien kaum eine zweite Adresse gibt.