
Sant'Agata & Lequio
Böden
Grab in einem Weinberg bei La Morra ein Loch, und nach zwanzig, dreißig Zentimetern wird die Erde grau-blau und fein wie Puder. Das ist Marne di Sant'Agata Fossili, ein Mergel aus Schluff, Ton und ein wenig Sand, reich an Kalk aus den Schalen winziger Meereslebewesen. Vor etwa acht Millionen Jahren lag hier noch das Meer, aus dem später das Piemonteser Becken wurde. Der Unterschied sitzt im Detail.
Wasser läuft durch diesen Boden, aber er hält es dabei erstaunlich lange fest. Die Wurzel muss sich kaum durchkämpfen, findet aber auch wenig Nahrung — ein Kompromiss, der Nebbiolo-Trauben mit viel Duft und vergleichsweise sanftem Tannin hervorbringt. Mehr braucht die Rebe nicht. Weine von diesem Boden, etwa aus La Morra oder Barolo selbst, gelten seit jeher als die duftigeren, zugänglicheren der Langhe.
Nur wenige Kilometer östlich, um Serralunga und Monforte, wechselt der Untergrund. Selten sieht man ihn so deutlich. Dort liegt die Formazione di Lequio, eine härtere Wechselfolge aus Mergel und deutlich mehr Sandstein. Sie ist älter als die Marne di Sant'Agata und widersteht der Verwitterung stärker, wodurch der Boden insgesamt magerer und steiniger bleibt.
Auf diesem harten Untergrund treibt die Wurzel tiefer, weil sie muss, und die Beeren bleiben kleiner und dickschaliger. Das kostet Kraft. In der Schale sitzt das meiste Tannin, deshalb gelten die Weine aus Serralunga traditionell als die kräftigsten und langlebigsten Barolo überhaupt — sie brauchen oft zehn Jahre, ehe sie zugänglich werden. Zehn Jahre sind normal.
Zwei Böden, wenige Kilometer auseinander, und doch zwei völlig verschiedene Ausdrucksformen derselben Rebe. Die Grenze verläuft oft mitten im Hang. Das erklärt, warum die Winzer der Langhe seit 2010 offiziell zwischen mehr als hundertachtzig einzelnen Lagen unterscheiden dürfen — jede mit eigenem Namen, jede mit einem eigenen Anteil an diesen beiden Gesteinen.
Im Norden Piemonts, rund um Gattinara, gilt das alles nicht mehr. Ein völlig anderer Ursprung. Dort wuchs Nebbiolo, hier Spanna genannt, nie auf Meeresmergel, sondern auf Porphyr aus dem Einsturz eines Supervulkans der Valsesia vor rund zweihundertachtzig Millionen Jahren. Vulkanisches Gestein statt Meeresboden, und entsprechend anders schmeckt der Wein: straffer, mineralischer, mit einer fast rauchigen Kante, die man in der Langhe so nicht findet.
Dünne dunkle Auflage aus verrottetem Laub und Wurzelresten, auf den meisten Langhe-Hängen kaum eine halbe Handbreit dick.
Die Wurzel: Hier liegen die Feinwurzeln. Sie greifen, was der Regen gerade bringt — und sind als Erste trocken.