
Nero und Nerello
Rebsorten
Eine Rebsorte prägt den Ruf der Insel mehr als jede andere. Nero d'Avola steht auf rund achtzehntausend Hektar, benannt nach der Stadt Avola im Südosten, wo sie vermutlich ihren Ursprung hat. Die Beeren tragen dicke, fast schwarze Schalen — daher der Name, der Schwarze von Avola —, und aus dieser Schale kommen Farbe und Tannin gleichermaßen kräftig.
Im Glas zeigt sich das sofort. Ein Nero d'Avola ist dunkel bis violett, das Tannin fest, aber seidig statt hart. Der Duft wandert zwischen Brombeere, Sauerkirsche und schwarzem Pfeffer, mit Leder und Zeder in reifen Jahrgängen. An heißen Küstenlagen wird die Sorte schnell mächtig. Auf kühleren Böden im Landesinneren bleibt sie schlanker und würziger.
Am Ätna herrscht eine ganz andere Sorte, die kaum verwandt ist. Nerello Mascalese muss laut Vorschrift mindestens achtzig Prozent in jedem Etna Rosso ausmachen. Benannt ist sie nach dem Ort Mascali an der Ostflanke des Vulkans, wo sie seit Generationen auf Lavaboden wächst. Sie ist hell in der Farbe, fast durchscheinend, mit viel Säure und feinem statt kräftigem Tannin. Kenner erinnert sie deshalb eher an Pinot Noir als an einen typischen süditalienischen Rotwein. Nerello Cappuccio darf mit bis zu zwanzig Prozent dazukommen; er liefert vor allem die Farbe und Fülle, die dem Mascalese allein manchmal fehlt.
Im Südosten, rund um Vittoria, wächst eine dritte, ganz eigene Sorte. Frappato hat dünne Schalen, kaum Tannin und ein Aroma nach Erdbeere und Veilchen, fast wie ein Rosé, der sich als Rotwein verkleidet hat. Allein ergibt sie leichte, kühl zu trinkende Weine. Gemischt mit fünfzig bis siebzig Prozent Nero d'Avola wird daraus Cerasuolo di Vittoria, die einzige DOCG der Insel — Kraft und Leichtigkeit in derselben Flasche.
Bei den Weißweinen teilt sich die Insel in Ost und West. Am Ätna trägt Carricante die Weine, eine Sorte mit so viel Apfelsäure, dass viele Winzer den biologischen Säureabbau brauchen, um sie überhaupt zugänglich zu machen. Im Westen dominiert dagegen Grillo, gezüchtet um 1870 von Baron Antonino Mendola aus einer Kreuzung von Catarratto und Zibibbo. Grillo lieferte jahrzehntelang nur den Grundwein für Marsala. Erst seit rund drei Jahrzehnten keltern Winzer ihn auch trocken, mit spürbarem Erfolg.