
Warm trifft kühl
Klima
Im Kremstal treffen zwei Wetterwelten aufeinander, und genau das schmeckt man im Glas. Von Osten weht pannonische Luft herüber, warm und trocken, wie man sie aus der ungarischen Tiefebene kennt, während von Norden, aus dem höher gelegenen Waldviertel, in denselben Nächten kühle Luft ins Tal strömt.
Der Effekt ist groß. An sonnigen Septembertagen erwärmt sich das Gebiet rasch, teils auf über dreißig Grad. In der folgenden Nacht kann die kühle Waldviertler Luft die Temperatur um bis zu fünfundzwanzig Grad drücken. Für die Reifung der Trauben ist das ein Glücksfall: Tagsüber bilden sich Zucker und Aroma, nachts bleibt die Säure erhalten, weil die Kälte den Abbau bremst.
Ohne diesen Unterschied schmeckten die Weine flach. Grüner Veltliner verlöre seine Frische, Riesling seine Spannung, und beide würden träge statt spritzig wirken. Winzer in Krems und Stein sprechen deshalb weniger über Sonnenstunden als über kühle Nächte, wenn sie erklären sollen, warum ihre Weine so viel Saft haben.
Die Donau selbst wirkt als drittes Element. Sie durchschneidet das Gebiet auf etwa zweihundert Metern Seehöhe und speichert tagsüber Wärme, die sie nachts wieder abgibt. Das ist ein natürlicher Frostschutz für die Rebstöcke entlang des Ufers. Weiter oben, im hügeligen Norden des Gebiets Richtung Waldviertel, fehlt dieser Puffer, und die Ernte beginnt dort regelmäßig später als unten am Fluss.
Das Zusammenspiel macht aus dem Kremstal ein Gebiet mit zwei Gesichtern. Nahe der Donau reift Riesling in einem fast mediterran wirkenden Kleinklima. Wenige Kilometer weiter nördlich, an der Schwelle zum Wald, sorgt ein deutlich raueres Klima für straffere, kühlere Weine.