
Löss, Kalk, Granit
Böden
Grab in einem Weingarten bei Poysdorf ein Loch, und du gräbst durch Windstaub. Löss ist kein Gestein, sondern verwehter Staub aus den Kaltzeiten der letzten Eiszeitalter. Es ist feinkörniger Schluff, den der Wind über Zehntausende Jahre aus dem eisfreien Umland zusammentrug. Mehr als die Hälfte aller Weingärten im Weinviertel stehen auf diesem Material. Die 1.100 Kellergassen der Region gibt es nur, weil sich Löss mit bloßer Schaufel graben lässt.
Wasser fließt durch Löss erstaunlich leicht ab, dafür hält er wenig Nährstoffe fest. Die Rebwurzel muss deshalb tief hinunter, um überhaupt zu überleben. Im Löss selbst finden sich oft kleine, harte Kalkknollen, die man hier Lösskindl nennt. Es ist ausgefällter Kalk, der sich über Jahrtausende in feinen Adern neu zusammengeballt hat. Wein von tiefem, ungestörtem Löss schmeckt meist weich, cremig und dicht, mit reichlich Frucht und moderater Säure.
Ganz anders im Norden: Bei Falkenstein und Staatz ragt plötzlich nackter Fels aus dem sanften Hügelland. Es sind Kalkklippen der sogenannten Waschbergzone, vor rund siebzehn Millionen Jahren durch tektonischen Druck aus dem Untergrund gepresst und seither freigelegt. Auf diesem harten, wasserspeichernden Kalk wachsen straffere, mineralischere Weine als auf dem weichen Löss ringsum.
Im äußersten Westen, an den Ausläufern des Manhartsbergs bei Röschitz, taucht sogar noch älteres Gestein auf. Nacktes Kristallin der Böhmischen Masse, Granit und Gneis, liegt dort teils nur von einer dünnen Lössschicht bedeckt. Auf diesem kargen Fels wird der Grüne Veltliner würziger und pfeffriger, während er auf dem Löss weiter östlich runder und cremiger bleibt — zwei sehr verschiedene Weine aus derselben Rebe, oft keine zehn Kilometer voneinander entfernt.
Auch hier hält sich ein Missverständnis hartnäckig: dass ein Wein vom Kalkboden nach Stein schmecke, weil die Wurzel Mineralien direkt ins Glas weiterreiche. Das stimmt nicht. Was die Rebe aufnimmt, sind gelöste Ionen in verschwindend kleiner Menge, schmeckbar sind sie nicht. Der Kalk wirkt über einen Umweg. Über die Wärme, die er tagsüber speichert, über das Wasser, das er anders hält als der lockere Löss, und über den Stress, den er der Wurzel zumutet.
Dünne dunkle Ackerkrume aus verrottetem Pflanzenmaterial, in den Löss eingearbeitet. Auf den offenen Hügeln des Weinviertels oft nur eine Handbreit tief.
Die Wurzel: Hier sitzen die Feinwurzeln, die den seltenen Regen sofort aufnehmen — und die ersten, die bei so wenig Niederschlag austrocknen.