
Löss, Reblaus, Pfefferl
Region & Geschichte
Grab in einer Kellergasse bei Stillfried tief genug, und du triffst auf eine Fundstelle, die älter ist als jede Urkunde. In einer bronzezeitlichen Siedlungsgrube fanden Archäologen dort Traubenkerne, die eindeutig der Kulturrebe Vitis vinifera zugeordnet werden konnten und auf etwa 800 vor Christus datiert sind — der älteste Weinbau-Nachweis Österreichs. Wein war hier also schon lange vor den Römern kein Fremdwort.
Mit den Römern kam mehr Ordnung in den Weinbau, auch wenn das heutige Weinviertel damals nur Grenzland war, nördlich der Donau, am Rand des freien Germanien. Erst im Mittelalter, als sich Siedler wieder dauerhaft in den fruchtbaren Löss-Hügeln niederließen, wuchs daraus etwas Beständiges. Ein Beleg dafür liegt in Poysdorf: Die Riede Hermannschachern wird 1338 erstmals urkundlich genannt und gilt als die älteste namentlich bekannte Weinlage Österreichs. Kaiser Rudolf der Zweite erhob den aufstrebenden Ort 1582 zum Markt.
Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Keller, die nicht unter dem Haus, sondern eigens in den Hang gegraben wurden. Löss lässt sich mit einfachem Werkzeug bearbeiten, hält die Form ohne Stützmauer und bleibt das ganze Jahr über kühl. Also wanderten die Presshäuser an den Ortsrand, Reihe um Reihe, bis daraus eigene Gassen wurden. Die ältesten Abschnitte reichen ins siebzehnte Jahrhundert zurück. Die meisten der heute rund 1.100 Kellergassen im Weinviertel entstanden aber erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, während eines enormen Aufschwungs im Weinbau.
Dieser Aufschwung endete abrupt. Ab 1872 fraß sich die Reblaus, eine aus Amerika eingeschleppte Laus, durch die Weingärten Europas und legte auch im Weinviertel ganze Landstriche brach. Wiederaufgebaut wurde nur mit veredelten Reben auf resistenter amerikanischer Unterlage — eine Technik, ohne die es europäischen Weinbau heute schlicht nicht mehr gäbe.
Der nächste tiefe Einschnitt kam hausgemacht. 1985 flog auf, dass mehrere österreichische Winzer und Weinhändler ihren Weinen das süßliche, gesundheitsschädliche Diethylenglykol beigemischt hatten, um schwache Jahrgänge als Prädikatsweine zu verkaufen. Niederösterreich, zu dem das Weinviertel zählt, gehörte neben dem Burgenland zu den am stärksten betroffenen Ländern. Der Export brach um rund 95 Prozent ein. Aus dieser Krise entstand ein neues Gesetz. Eines der strengsten weltweit, mit einer nummerierten Banderole auf jeder Flasche Qualitätswein.
Und aus genau diesem neuen Ehrgeiz heraus entstand 2002 der Weinviertel DAC. Das Weinviertel wurde damit zur ersten Region Österreichs, die ihren typischen Wein von einer eigenen Kommission absichern ließ. Von der Kellergrube in Stillfried bis zur staatlichen Prüfnummer sind es fast 2.800 Jahre. Die Rebe blieb. Nur das Gesetz drumherum änderte sich ständig.