Region & Geschichte in der Region Tessin

Reblaus bis Merlot

Region & Geschichte

Ein Grabstein aus der Römerzeit, verziert mit Trauben und einer flachen Trinkschale, liegt heute im Museum von Stabio. Wein wuchs im Tessin also schon lange, bevor jemand von Merlot sprach. Über Jahrhunderte prägte eine einzige einheimische Sorte die Hänge: die Bondola, ein dunkler, dünnschaliger Rotwein, den der Zürcher Naturforscher Hans Rudolf Schinz 1770 erstmals schriftlich erwähnte. Man trank sie jung, im Grotto, dem in Fels geschlagenen Felsenkeller, aus dem eigenen Fass.

Dann kam die Reblaus, eine amerikanische Laus, die Rebwurzeln von innen auffrisst. Sie legte die Tessiner Weinberge um 1900 fast vollständig lahm. 1902 richtete der Kanton eine Wanderprofessur für Weinbau ein und setzte den Agronomen Alderige Fantuzzi darauf. Fantuzzi liess 1904 und 1905 die ersten Merlot-Stecklinge aus Bordeaux kommen und pflanzte sie in einem Versuchsberg im Mendrisiotto, wo er 1906 den ersten Tessiner Merlot überhaupt kelterte. Im selben Jahr empfahl die Kantonsregierung die Sorte offiziell als Ersatz für die zerstörten Rebflächen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg subventionierte der Kanton den Umbau ganzer Rebberge auf Merlot, und die alte Bondola verschwand fast: Zwischen 1916 und 1936 hatte sie noch vierzig bis fünfundvierzig Prozent aller Neupflanzungen gestellt. Heute steht sie zusammen mit der verwandten Bondoletta auf weniger als anderthalb Prozent der Rebfläche. Fast wäre die Sorte ganz aus den Weinbergen verschwunden. Erst 2023 rettete Slow Food sie mit einem eigenen Presidio, einem Schutzprogramm für alte Sorten. Es nimmt nur Winzer auf, die reine Bondola oder Bondola mit etwas Bondoletta abfüllen.

Der nächste Bruch kam aus dem Keller, nicht aus dem Rebberg. In den achtziger Jahren verkaufte sich roter Merlot schlecht. 1986 presste die Genossenschaftskellerei von Giubiasco einen Teil ihres Merlots testweise wie einen Weisswein, hell und ohne Schalenkontakt, und nannte das Ergebnis Bucaneve, italienisch für Schneeglöckchen. Aus der Notlösung wurde eine eigene Kategorie, der Merlot bianco. Fast gleichzeitig gründete Luigi Zanini 1985 in Ligornetto die Kellerei Vinattieri Ticinesi. Er wollte beweisen, dass roter Tessiner Merlot mit Bordeaux mithalten kann.

Rechtlich brauchte es noch einen Schritt. Erst 1994 erkannten die Schweiz und die Europäische Union ihre kontrollierten Ursprungsbezeichnungen gegenseitig an. Mit der Ernte 1997 kam der erste Tessiner Wein mit dem Gütezeichen DOC in den Verkauf, ausgeschrieben Denominazione di origine controllata. Heute steht Merlot für gut drei Viertel der ganzen Tessiner Rebfläche. Sie teilt sich in einen kühleren Norden und einen wärmeren Süden, die beide ihre eigene Geschichte erzählen.

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