
See, Mauern, Föhn
Klima
Der Genfersee ist mit 580 Quadratkilometern der grösste See Westeuropas, und er tut mehr, als nur schön auszusehen. Im Winter kühlt er langsamer aus als das Land, im Sommer erwärmt er sich langsamer — und schiebt so das ganze Jahr wie einen Puffer zwischen Reben und Wetterextreme. Frost im Frühling, für viele Weinberge ein Alptraum, bleibt in den Lagen direkt am Ufer selten. Das genügt vielen Winzern schon.
In Lavaux geht dieser Effekt noch weiter, und die Winzer haben dafür einen eigenen Namen: die drei Sonnen. Die erste scheint direkt vom Himmel. Die zweite kommt vom Wasser zurück, gespiegelt an der Oberfläche des Sees und von unten auf die Trauben geworfen. Die dritte Sonne steckt in den Steinen. Die Trockenmauern der Terrassen speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts wieder ab, direkt an die Wurzeln, die dicht an ihnen stehen. Ohne diese Mauern würde Chasselas an den steilsten Hängen nicht reif.
Im Chablais, dort wo der Genfersee endet und die Alpen beginnen, wirkt ein anderer Effekt: der Föhn. Der warme Fallwind fällt aus dem Rhonetal herab, trocknet die Trauben nach Regen und trägt zusätzliche Wärme in die Weinberge um Aigle und Yvorne. Ohne ihn wäre das ein Nachteil. Mit ihm reift hier derselbe Chasselas, der andernorts in dieser Höhe kaum eine Chance hätte.
La Côte, die grösste der drei Regionen, kennt diese Extreme nicht. Die Hänge dort steigen sanfter an und öffnen sich weiter zum See. Dort lassen sich Luft und Licht gleichmässiger verteilen als auf den engen Terrassen weiter östlich. Das macht die Arbeit leichter, aber auch die Weine ruhiger: Wo Lavaux mit Spannung punktet, punktet La Côte mit Zugänglichkeit.